Wenn Emotionen immer wieder durchknallen – und ja, ich meine durchknallen, nicht „aus der Balance geraten“ – dann liegt das nicht zwangsläufig an mangelnder Resilienz oder fehlender Selbstreflexion.
Es liegt oft einfach daran, dass man in einer Welt lebt, in der der Wahnsinn längst System hat – und das System einen für wahnsinnig erklärt.
Die WHO hat das wunderbar geregelt: Einmal manisch – für immer krank. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen – eine lebenslange Klassifizierung namens Bipolarität. Kein Witz.
Ein emotionaler Bogen, einmal überspannt, und du wirst aussortiert wie ein falsch etikettiertes Konservenprodukt.
Seitdem: Jede Reaktion ein Symptom, jeder Impuls ein Warnsignal, jedes „zu viel“ ein Rückfall. Und falls doch mal jemand deeskalieren will, kommt der Satz, den ich inzwischen rückwärts aufsagen kann:
„Du bist ja nicht nur krank.“
Ach wie großzügig. Wie empathisch. Wie gönnerhaft.
Zwischen Diagnose und Dauerverdacht
Sobald du das Etikett hast, darfst du zusehen, wie dir alles zugeschrieben wird – deine Wut, deine Angst, deine Klarheit, deine Müdigkeit, deine Stimme.
„Das ist die Krankheit.“
Klar, und die anderen? Die, die ihre Kriege führen, ihre narzisstischen Spiele spielen, Verantwortung abwälzen wie Pizzakartons – die sind natürlich gesund.
Gesellschaftlich anerkannt gestört, aber ohne ICD-Code.
Ich sage: Wer jahrelang durch die emotionale Scheiße watet, weil andere ungebremst auf seinen Rücken tanzen, der darf auch mal ausrasten.
Wer ständig gegen Mauern rennt – Behörden, Therapeuten, Familie, „gut gemeinte“ Hilfsstrukturen – der wird irgendwann nicht leiser, sondern lauter.
Das ist kein Symptom.
Das ist Überleben.
Die Mär von der Niedrigschwelligkeit
Und während du versuchst, dein Leben auf die Reihe zu kriegen, kommen sie:
Die Fachidioten mit pädagogischem Charme und einer Portion Niedrigschwelligkeit, die so tief liegt, dass man sich schon ducken muss, um ernst genommen zu werden.
Ich habe in den letzten Jahren Kompetenzen aufgebaut, von denen viele sogenannte „Fachkräfte“ nicht mal wissen, wie man sie buchstabiert. Und trotzdem behandeln sie dich wie ein Kind auf dem Weg zum Stuhlkreis.
Weil in diesem System gilt:
Wer krank war, bleibt betreuungsbedürftig.
Das Gefühl, wenn dir jemand erklären will, wie das Leben funktioniert – und du innerlich nur noch kotzen möchtest – ist übrigens ebenfalls nicht im ICD-11 gelistet, obwohl es langsam Zeit wäre.
Die große Mühle im Koselbruch
Du kannst an dir arbeiten, reflektieren, umdenken, verzeihen, durchkauen, aufbauen – alles.
Aber am Ende mahlt sie weiter:
Die Mühle im Koselbruch.
Langsam, beständig, gleichgültig.
Mit jedem Jahr verschwindet ein bisschen mehr von dem, was mal Kompetenz, Autorität, Identität hieß.
Weil das System nicht an Heilung interessiert ist.
Sondern an Kontrolle, Kategorisierung, Ruhigstellung.
Schokolade aus Scheiße
Lernbereitschaft, so heißt es immer, sei der Schlüssel.
Klar. Aber nicht nur meine.
Wie wär’s, wenn auch mal all die anderen lernen? Die, die jedes Mal mit dem schmierigen Brot der Schuld anrücken, sobald du dich regst.
Die, die deine Verfehlungen als Identität betrachten – und ihre eigenen als Ausrutscher.
Ich habe gelernt, wie man aus gequirlter Scheiße Schokolade macht.
Aber ich frage mich langsam, warum ich der Einzige bin, der backt – während andere immer nur das Rezept kritisieren.
Fazit:
Vielleicht bin ich nicht „nur“ krank.
Aber ich bin ganz sicher nicht blind.
Und vor allem: nicht mehr still.
