Klangpause im neuen Ich

Ich bin gerade wieder mit Scooby spazieren und sitze auf meiner Lieblingsbank. Manchmal genieße ich einfach die Natur um mich herum – das sanfte Rauschen der Blätter, das Zwitschern der Vögel, die Ruhe zwischen den Gedanken. Und oft wandere ich dabei mit meinen Lieblingssongs im Ohr durch die Wiesen, lasse mich treiben von den Emotionen, die sie in mir auslösen.

Einer dieser Songs begleitet mich heute wieder: Trade it for the Night von Heaven & Neco Novellas – einer meiner absoluten Lieblingssongs. Eine außergewöhnliche Mischung aus klassischem Streichorchester, der sanften, fast zerbrechlichen Stimme von Marijn van der Meer und der beschwörend warmen Stimme von Neco Novellas. Es fühlt sich an wie ein Lied aus einer anderen Zeit, eine Einladung zu einer tiefen, emotionalen Reise.

Zu finden ist der Song übrigens auch in meiner Sammlung unter Klangpausen– eine Playlist für genau solche Augenblicke zwischen Himmel und Erde.

Das sind diese kostbaren Momente, in denen innerer Frieden, Wärme und Harmonie meine Seele berühren – und sich langsam Entspannung in mir ausbreitet.

Und während ich so dasitze, mit Blick über das weite Grün, fällt mir auf, wie sehr sich mein Inneres in den letzten Monaten verändert hat. Es sind nicht nur die Lieder, die anders klingen – ich höre sie inzwischen mit anderen Ohren. Meine Wahrnehmung, mein Denken, mein Empfinden haben sich verschoben.

Seit meiner Reha ist es tatsächlich so, wie Jorge Bucay es in seinem Podcast Der innere Kompass beschreibt: Irgendwann ist der Raum, aus dem man kommt, erforscht – jede Ecke, jeder Schatten, jedes Echo. Und um wirklich zu wachsen, steigt man wie durch eine Luke in der Decke in einen neuen Raum. Alles ist neu. Vorsichtig beginnt man, sich umzusehen, die Gegebenheiten zu erkunden, tastet sich heran an unbekannte Sichtweisen. Und nach und nach wird das Neue zur Realität.

Man kann gar nicht mehr zurück zu den alten Denkmustern. Sie passen nicht mehr. Der Blick zurück verändert sich – nicht um zu verharren, sondern um mit mehr Bewusstsein zu erkennen, was war, und woher man kommt.

In diesem neuen Raum beginnt etwas in mir, sich zu festigen. Eine Haltung, die nicht laut ist, aber klar. Eine innere Sicherheit, die nicht kämpfen muss – weil sie weiß, wer sie ist. Ich merke, wie ich mich weniger erklären will. Weniger rechtfertigen. Ich will nicht mehr gefallen – und muss es auch nicht.

Das ist wohl eine der größten Veränderungen: Dass der Wunsch, gemocht oder verstanden zu werden, nicht mehr über allem steht. Es ist, als hätte mein innerer Kompass sich neu ausgerichtet. Und je mehr ich ihm folge, desto mehr spüre ich meinen eigenen Wert.

Ich erkenne: Ich bin Empath. Nicht als Schwäche, sondern als tiefe Fähigkeit. Ich nehme viel wahr, oft zu viel – und genau das hat mich früher verletzlicher gemacht. Heute aber wird diese Wahrnehmung zu etwas Tragendem. Ich nehme nicht mehr alles in mich auf, ich unterscheide. Ich spüre mich. Und ich spüre, wo meine Grenzen verlaufen.

Doch so klar dieser neue Raum auch wirken mag – das Loslassen fällt manchmal trotzdem schwer. Die alten Muster, vertraut wie abgetragene Kleidung, wollen sich nicht immer freiwillig verabschieden. Manchmal zerren sie noch an mir, manchmal sind es Menschen, manchmal nur ein Satz, ein Blick – und plötzlich bin ich wieder unsicher, wieder klein.

Sich sicher in diesem neuen Raum zu bewegen, braucht Zeit. Es ist ein Üben, ein tägliches Erinnern daran, dass ich nicht mehr zurückmuss. Dass ich heute wählen darf, wohin ich gehe – und mit wem.

Und all das, was mich früher in den Abgrund gezogen hätte – Menschen, die weit entfernt sind von Bewusstsein, Empathie oder Achtsamkeit – wird heute zur Stärkung meines Selbst. Nicht, weil es angenehm wäre. Sondern weil ich sehe. Weil ich erkenne. Weil mein Kompass sich nicht mehr davon ablenken lässt.

Er zeigt in meine Richtung. Unabwendbar. Und zum ersten Mal fühlt sich das richtig an.

Ein leiser Windhauch streicht mir über die Wange. Scooby döst neben mir im Gras. Irgendwo in der Ferne ruft ein Vogel.

Ich atme tief ein.

Und bleibe noch einen Moment. Nur so, wie ich bin.

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