Nachbar, Pfefferspray und die Polizei

Im letzten Blogbeitrag habe ich über die tiefen Spuren geschrieben, die psychische Gewalt und systemisches Wegsehen hinterlassen können – über die schleichende Erosion von Sicherheit, Vertrauen und Zugehörigkeit.

Heute möchte ich einen konkreten Vorfall aus dem Herbst 2024 aufgreifen, der nicht nur für sich steht, sondern ein typisches Beispiel für die Eskalationsmechanismen ist, denen man als psychisch verletzter, aber wehrhafter Mensch im öffentlichen Raum begegnen kann.

Es geht nicht nur um Lärm, Nachbarschaftskonflikte oder absurde Anzeigen – sondern um das perfide Zusammenspiel aus Projektion, Verleumdung und dem Versuch, jemanden gesellschaftlich zu isolieren.

Der folgende Eintrag, damals eher spontan verfasst, beschreibt ein solches Ereignis in roher Sprache – ich werde ihn im Anschluss analysieren und einordnen.

Der Artikel: Der Terror hört nicht auf

Soeben vom Einkaufen per pedes zurück – übrigens funktioniert die Bankkarte trotz Monatsanfang und vorhandenem Haben nicht –, fische ich erneut einen Brief vom Amt aus dem Schlitzkästchen.

Tata – Beschwerde wegen Ruhestörung! Angebliches Poltern nachts zwischen 22:00 Uhr und 5:30 Uhr.

Ich erinnere mich an die Vergangenheit: Es ist Wochen her, dass der Nachbar schreiend vor meiner Tür stand und verlangte, ich solle vom Balkon springen!

Nun – steckt dieser Vollproll von unter mir hinter dem Bürgerbegehren?

Ich gehe runter und klingele. Übrigens: Ich habe vergangene Nacht ebenfalls Poltern und Donnern aus der Wohnung über mir gehört.

Der Nachbar reißt die Tür auf. Ich frage ihn, ob er mich ständig anzeigt.

Er brüllt: „Verpiss dich!“

Dann – plötzlich – bittet er mich rein. Ich mache den Schritt, denke mir: Gut, komm ich rein.

Da schubst er mich und schreit: „Fass mich nicht an!“

Meine Haltung: streng, aber nicht rückweichend vor so viel Prolletentum.

Da kommt sein Weibchen mit Pfefferspray um die Ecke – und hält es mir direkt vor die Nase.

Kurzum: Das ist mir dann doch zu blöd. Ich trete zurück auf die Treppe.

Zehn Minuten später steht die Polizei vor der Tür.

Der Clown behauptet, ich hätte ihm meine Hände um den Hals gelegt!

Nun soll laut Polizei eine Strafanzeige des Nachbarn gegen mich erfolgen.

Analyse

Was im Text deutlich wird: Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht etwa im Partymodus, sondern in einem massiv belasteten, psychisch instabilen Zustand – ausgelöst durch eine lange Kette von traumatisierenden Erfahrungen, darunter willkürliche Sanktionen durch Behörden, eine blockierte Bankkarte trotz Guthaben und eine zunehmend feindliche Nachbarschaftsatmosphäre.

Dass mir bei den häufigen Polizeieinsätzen – meist mit mindestens sechs Beamten – immerhin noch zugehört wurde, empfand ich damals als letzten Rest von Fairness. Teilweise wurde mir sogar Verständnis entgegengebracht: Dass man bei gelegentlich zu lauter Musik auch einfach hätte das Gespräch suchen können, war Konsens unter einigen Einsatzkräften. Als dann jedoch erneut ein Schreiben wegen angeblicher Ruhestörung ins Haus flatterte, war bei mir endgültig der Punkt erreicht, an dem ich den direkten Dialog suchte.

Mein Besuch beim Nachbarn war ein Versuch, auf Augenhöhe zu kommunizieren – vielleicht auch, um Ungleichbehandlung und Vorverurteilung anzusprechen. Was ich jedoch nicht wusste: Der Nachbar hatte sich mittlerweile „aus Angst vor mir” mit Pfefferspray ausgestattet. Diese angespannte Grundhaltung war mir zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht bewusst, wird jedoch durch einen späteren Artikel in der NGZ genauso beschrieben: Nachbarn müssten sich wegen mir bewaffnen!“

Hinzu kommt: Auch in der Wohnung über mir war in dieser Nacht erneut Lärm zu hören. und immer wiedermal hört man Haustüren wegen Durchzug im Flur knallen. Trotzdem wurde ausschließlich ich wieder zum Problem erklärt. Mein Gang zur Nachbarwohnung war also nicht als Drohung gemeint, sondern als Versuch, Klarheit zu schaffen.

Natürlich war mein Ton konfrontativ – das war der Situation geschuldet –, aber eine körperliche Bedrohung meinerseits hat es nie gegeben.

Stattdessen wurde ich selbst beschimpft, gestoßen und mit einem Pfefferspray bedroht.

Geradezu bizarr war schließlich der Vorwurf, ich hätte dem Nachbarn „meine Hände um den Hals gelegt“. Eine Polizistin teilte mir dies mit, nachdem wir getrennt voneinander befragt worden waren. Diese absurde Behauptung reiht sich ein in ein Muster, das ich inzwischen nur zu gut kenne:

Menschen wie ich – traumatisiert, auffällig, aber nicht angepasst – werden durch Übertreibungen, Angstnarrative und Falschdarstellungen sozial isoliert und kriminalisiert.

Zur Einordnung: Ja, ich habe in jener Zeit auch mal für zwei Minuten mit einem Hammer auf meinen Schreibtisch eingeschlagen – aus purer innerer Überlastung. Jede beliebige Bohrmaschine macht vergleichbaren Lärm. Doch niemand ruft deswegen gleich das Ordnungsamt oder die Polizei.

Auch dieser Vorfall zeigt: Es ging längst nicht mehr um tatsächliche Lärmereignisse oder Kommunikation – es ging um ein Stigma.

„Hier wohnt ein Amokläufer – der muss weg.“

Diese Erzählung setzt sich fest – egal, wie friedlich oder gesprächsbereit man sich tatsächlich verhält. Und sie blendet das Wichtigste aus: Dass hinter all dem ein Mensch steht. Mit Geschichte. Mit Schmerz. Und mit dem Wunsch, einfach ebenfalls nur in Ruhe zu leben.

Ein Kommentar

  1. Ich möchte nur nochmal betonen, dass das Thema mit dem Nachbarn für mich abgeschlossen ist. Die Geschichte gehört ins letzte Jahr. Und wenn man mal die unterschiedlichen Sichtweisen beiseitelässt, entdeckt man vielleicht sogar Gemeinsamkeiten – wie das Mopedfahren zum Beispiel.

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