Zu schnell fürs Leben

oder Momente die wir verpasst haben

Es gibt Stimmen, die behaupten, es sei gut, abends vor dem Zubettgehen noch einmal zu reflektieren:

Wie war der Tag? Was habe ich erlebt? Wofür bin ich dankbar?

Diese Form der Rückschau ist nicht nur in der Paartherapie sinnvoll. Auch nach einem Streit ist es manchmal heilsam, sich vor dem Einschlafen wieder in den Arm zu nehmen – die Konflikte für einen Moment ruhen zu lassen, um die nächtliche Erholung nicht zu vergiften.

Ich habe das in den ersten Jahren mit meiner letzten langjährigen Freundin sehr geschätzt: dieses abendliche Einschlafen, eng umschlungen, in einer leisen Selbstverständlichkeit.

Selbst nach unserer – für mich sehr schmerzhaften – Trennung blieb etwas zurück. Ich habe ein KI-generiertes Lied als Erinnerung an sie geschrieben. Wer Lust hat, kann sich meinen Song „Skin2Skin“ ja mal anhören.

Heute liege ich auf meinem alten Sofa. Allein. Und ich erinnere mich.

Nicht nur aufgrund der Zeilen an meine damalige Freundin, die ich auf meine Art immer noch liebe, sondern auch rückblickend an die Zeit, als ich noch in Arbeit war.

Am Samstag war ich mit Sultan auf Einkaufstour – und unterwegs durch den Nachbarort traf ich drei Gestalten, die am Straßenrand standen und miteinander fabulierten.

Obwohl ich die Google-App in der Hand hatte, fragte ich sie nach dem Weg – freundlich, aber bestimmt. So, wie man das eben tut, wenn der Einkaufszettel länger ist als der Tag.

Die drei unterbrachen ihre Talkrunde und schenkten mir ihre Aufmerksamkeit. Die Richtung war schnell geklärt. Doch als ich die Frau ansah, die mir geantwortet hatte, blieb ich einen Moment hängen.

„Kennen wir uns nicht?“, fragte ich mit einem Lächeln.

Und tatsächlich – sie lächelte zurück: „Von der Arbeit.“

„Ah, ja! Jetzt weiß ich’s“, lachte ich, hob kurz die Hand zum Gruß – und ging einfach weiter.

Als wäre ich auf der Flucht.

Ein paar Schritte später ärgerte ich mich.

Warum hatte ich nicht gefragt, wie es ihr geht? Wie es den Kollegen geht? Was aus uns geworden ist – aus der Zeit, die man mal geteilt hat?

Aber wie so oft im Leben:

Man ist zu schnell.

Zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Zu sehr auf dem Weg – und nicht im Moment.

Ich glaube, es war im Dezember 2022, als wir uns bei der Firma zum letzten Mal gesehen haben – beim Schrottwichteln.

Wenn ich mich recht erinnere, war sie es sogar, die auf der Abteilungsweihnachtsfeier irgendeinen Unsinn von mir bekommen hatte.

Wir hatten uns damals einen Tisch im Düsseldorfer Medienhafen reserviert. Gemeinsam gegessen, gelacht, ein bisschen Privates ausgetauscht.

Nicht zu privat – ich hatte nur einen Zeitvertrag, und man kannte sich noch nicht besonders gut.

Als wir am Ende aufbrachen, verabschiedeten wir uns höflich. Einige gingen noch mit mir Richtung Firma um die Ecke – dort stand mein Auto.

Mit von der Partie war auch die Mutter, deren Vertretungsdienst ich übernommen hatte, während sie in Mutterschutz war.

Bei der damaligen Einarbeitung hat mich der kleine, russische, noch früh schwangere Keks mit ihrer aufgedrehten Art fast wahnsinnig gemacht.

Auf der Weihnachtsfeier war sie inzwischen zurück – Teilzeit, unter meiner Anleitung, mitten im täglichen Wahnsinn.

An dem Abend saß sie mir gegenüber. Und war am Ende ziemlich beschwipst.

„Wie kommst du nach Hause?“, fragte ich sie,

während sich die Chefin von ihrem Mann abholen ließ,

andere in der Garage verschwanden oder auf dem Fahrrad Richtung Feierabend rollten.

„Och … ich komm schon heim. Irgendwie“, lallte der kleine Keks,

kniff mir tuddelig in die Wange und grinste:

„Du bist so süß.“

Ich überlegte kurz, dann sagte ich:

„Komm, ich fahr dich. Du kannst ja kaum laufen.“

Kein Problem für mich.

Ich wohnte zwar in Neuss, und sie musste auf die andere Seite von Düsseldorf. Aber irgendwie war es mir wichtig, dass das Mädel sicher zu ihrer kleinen Familie kommt.

Führerschein hatte ich, getrunken nur alkoholfrei. Und zu Hause wartete eh niemand.

Scooby war bei meinen Eltern geparkt – damit er nicht allein zu Hause rumsitzt.

Fazit:

Manchmal lebt man die schönsten Szenen seines Lebens, ohne zu wissen, dass sie irgendwann fehlen werden.

Und manchmal begegnet man Menschen, nur um sich selbst zu begegnen – Jahre später, auf einem alten Sofa, zwischen Gedankensplittern und einer Tasse altem Kaffee. 

Zu schnell fürs Leben.

Aber immerhin dabei gewesen.

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