Warum echte Liebe nicht alle Wunden heilt.
Manchmal glaubt man, wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann könne nichts schiefgehen.
Als wäre Liebe eine Art Schutzschild gegen äußere Einflüsse, gegen alte Verletzungen, gegen die Stimmen von außen.
Nachdem wir nun festgestellt haben, dass Bella für mich alles andere war als das Ausbrechen aus einer intakten Ehe – oder gar lediglich eine sexuelle Kurzzeitbefriedigung oder Umtriebigkeit –, lohnt sich auch ein zweiter Blick auf die Kennenlernphase. Also wieder mal: Perspektivenwechsel.
Bella hatte nämlich ebenfalls ihre ganz eigenen Probleme. Sie fühlte sich in ihrer Abteilung gemobbt. Weil sie immer schon Körperkult betrieb und Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legte, lief sie zum Beispiel nie in Turnschuhen ins Büro.
Die Details sind hier nebensächlich. Jedenfalls holte sie sich juristischen Beistand und begann – wie ihr geraten wurde – die Ereignisse schriftlich festzuhalten. Und ja: In solchen Fällen macht akribisches Aufschreiben durchaus Sinn.
Und nun betritt wieder unser „lustiger“ Personalchef die Bühne. Er stellte sich in dieser Situation nämlich nicht etwa schützend vor Bella – im Gegenteil: Er stellte sich auf die Seite der Mobber und drohte Bella sogar damit, sie vor das Arbeitsgericht zu zerren.
Leider – oder zum Glück, muss man sagen – musste er sich später kleinlaut bei Bella entschuldigen. Aber die Situation blieb für Bella belastend.
Dann kam ich.
Nach vorsichtiger Annäherung öffnete sie sich mir, und wir redeten über vieles, was vorgefallen war. Ich riet ihr, dass es vielleicht sinnvoll wäre, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen und irgendwo ganz neu anzufangen. Oder zumindest einmal das Gespräch mit dem Geschäftsführer zu suchen – mit dem Ziel, in einen anderen Bereich versetzt zu werden.
Gesagt, getan. Ich begleitete Bella emotional durch diese Zeit, und sie gab mir Rückmeldung, dass der Geschäftsführer sich tatsächlich kümmern wolle und das Gespräch gut verlaufen sei. Auch hier passt also wieder das Bild von Safe Haven: Zwei Menschen, die sich durch emotionalen Rückhalt gegenseitig stärken.
Der Geschäftsführer fackelte irgendwann nicht mehr lange. Nachdem er sich Bellas Situation angehört und auch angesehen hatte, meinte er sinngemäß, man müsste eigentlich die ganze Personalabteilung vor die Tür setzen. Gemeinsam entschied man sich dann aber für den pragmatischeren Weg: Im Backoffice könne man sie gut gebrauchen – und dort wurde sie auch eingesetzt.
Warum ich das erzähle?
Weil, wenn zwei Menschen sich gefunden haben, immer auch frustrierte Neider auf der Bildfläche erscheinen. Menschen, die mit ihrer eigenen Baustelle nicht klarkommen. Ob das Expartner sind, irgendwelche Madam Meerbuschs oder außenstehende Beobachter, die in ihren eigenen Beziehungen entweder gar keinen Sex mehr haben – oder ihn nur noch unter Alkoholeinfluss ertragen.
Und wenn diese Stimmen dann laut werden, wird das für zwei Menschen, die gerade dabei sind, ihren Selbstwert wiederaufzubauen, nicht gerade leichter.
Es gab sie, die Stimmen.
„Guck mal, das Dreamteam!“
Aber wenn dann die schmutzige Wäsche der Vergangenheit geworfen wird, heißt es plötzlich:
„Das passt nicht. Das ist nur problematisch. Das ist ein Fremdgänger. Der ewige Kampf mit der Ex. Du brauchst jemanden, der erfolgreich ist. Jemand, der für dich da sein kann …“
Und so weiter, und so weiter …
Und doch – trotz allem – erreichten wir nach gut zwei Jahren eine Phase, in der unsere Kinder fröhlich miteinander tanzten. Wir begannen, konkret nach Wohnungen zu suchen, ich war eh eigentlich nur noch bei ihr. Und trotz aller Streitereien hatten wir nicht nur ein erfülltes Sexualleben, sondern hielten auch abends an dem fest, was uns verbunden hat: Wir nahmen uns in den Arm und schliefen eng umschlungen ein.
Für mich fühlte sich das an wie: endlich angekommen.
Denn wenn Hingabe, offene Gespräche und echtes Teamsein möglich sind – wenn man sich komplett angenommen fühlt –, dann entsteht keine Sehnsucht nach Abenteuern. Dann fehlt auch nicht die Fähigkeit, einer Versuchung zu widerstehen. Sie stellt sich einfach nicht mehr.
Dann ist man einfach da.
Zusammen.
Im Safe Haven.
Meine Liebe zu Bella war echt. Daran habe ich nie gezweifelt.
Vielleicht aber war das Umfeld zu rau.
Vielleicht ist Bella daran zerbrochen – oder an ihrer eigenen Geschichte. An der Schwierigkeit, ihren Selbstwert wirklich zu spüren, unabhängig davon, wie sehr sie geliebt wurde.
Und dann fängt man selbst wieder an zu zweifeln. Denkt, das passt doch alles nicht. Und schon entstehen neue Verletzungen – auf Basis selbst erfüllender Vorhersagen.
Es passiert, was man sich täglich selbst einredet.
Manche Wunden sitzen so tief, dass selbst ehrliche Zuwendung nicht ausreicht, um sie zu heilen.
Vielleicht war das der Punkt, an dem sich unsere Geschichte langsam zu verändern begann.
Und hier zeigt sich auch, wie wenig pauschale Verurteilungen helfen – besonders dann, wenn sie aus einer Gesellschaft kommen, die in meinen Augen oft selbst tief gestört ist. Eine Gesellschaft, die sich im ständigen Be- und Verurteilen anderer verliert, als würde das eigene Urteil automatisch für Klarheit sorgen.
Doch was bleibt am Ende davon?
Ein schuldbewusstes Achselzucken – oder dieser eine Satz, den man viel zu oft hört, wenn alles vorbei ist:
„Wir haben es dir ja gleich gesagt.“
