Muskelkater & Donnergrummeln

Wenn der Sohn zum Trainer wird und das Wetter den Soundtrack liefert

Heute ist wieder so einer dieser Tage: Der Himmel kann sich nicht entscheiden. In regelmäßigen Abständen prasselt der Regen vom Himmel, dann flackert irgendwo ein Wetterleuchten, gefolgt vom tiefen Grummeln eines Gewitters – das klingt, als würde der Himmel selbst einen Bandscheibenvorfall verarbeiten.

Scooby – mein treuer, leicht dramatisch veranlagter Mitbewohner auf vier Pfoten – springt regelmäßig vom Sofa, stellt sich in Pose vor die Balkontür und knurrt zurück in die Wolken. Seine Haltung ist eine Mischung aus „Ich beschütze dieses Haus“ und „Bitte sag mir, dass der Donner wieder weggeht“.

Meine Muskeln fühlen sich unterdessen an, als hätten sie ihren eigenen Donnerschlag abbekommen – Nachwehen vom Sonntag. Mein Sohn Alex, seines Zeichens Personaltrainer und Erziehungsberechtigter meiner körperlichen Integrität, hat mich mal wieder durch sämtliche Hantelstationen im Fitnessstudio gejagt.

Seitdem bemitleiden wir uns im Wechsel. Unsere Gespräche bestehen derzeit zu 60 Prozent aus gequälten Lauten und 40 Prozent aus der genauen Lokalisation muskulärer Katastrophenzonen.

Doch Alex wäre kein echter Trainer, wenn er nicht auch das Thema Ernährung in jedes Gespräch schleusen würde. Freundlich, aber mit der Hartnäckigkeit einer Gesundheits-App:

„Iss was, sonst bringt das ganze Training nix. Du brauchst Aufbau!“

„Am Donnerstag ist Boxen!“ – sagt er inzwischen zum dritten Mal mit der Vorfreude eines Kindes auf ein Rutschauto.

„Das ist gut für sämtliche Muskelgruppen und für die Koordination.“

Ja danke, denke ich – wenn ich bis dahin wieder meine Arme heben kann, reden wir weiter.

Er sitzt währenddessen am Bildschirm, schaufelt sich Kohlenhydrate in den Körper, als gäbe es eine Quotenpflicht.

„Noch ein paar Mal regelmäßig trainieren, dann ist der Muskelkater Geschichte“, sagt er grinsend.

Ich nicke, rauche demonstrativ eine Zigarette und murmle zurück: „Bananen hab ich auch gekauft.“

Das ist meine Art, mitzuhalten.

Ich habe den Verdacht, Alex überlegt ernsthaft, ob er mir demnächst auch beim Kochen und Kauen zusehen sollte. Vielleicht startet er bald ein Live-Tracking meiner Proteinzufuhr.

Was das Trainerdasein betrifft, hat er jedenfalls ein eigenes pädagogisches Konzept: Keine Drill-Sergeant-Kommandos, keine Trillerpfeife. Stattdessen arbeitet er mit freundlichen Wiederholungen, sanftem Nachdruck – wie beim Krafttraining selbst.

„Red nicht so viel, mach, was ich dir sage!“ ist nicht seine Methode.

Eher: „Ich erklär’s nochmal. Und nochmal. Und wenn’s sein muss, nochmal.“

Ich erkenne mich darin irgendwie wieder.

Und denke mir – ganz ohne Muskelkater im Herzen:

Irgendwo muss er das ja herhaben. Mein Sohn. Mein Trainer.

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