Mit leiser Stimme zurück

Zwischen Garten Eden und Affenkäfig

Ein weiterer Aufenthalt in der Psychiatrie – notwendig, nicht willkommen

Die letzten Wochen habe ich – mal wieder – in der Klinik verbracht.

Und ja, das war wichtig. Notwendig sogar. Aber bestimmt nicht freiwillig.

Die Umstände meiner Einweisung?

Sie war diesmal nicht dramatisch, nicht spektakulär, aber:

Man hätte sie vermeiden können.

Mit ein bisschen mehr Kommunikation.

Mit etwas mehr Respekt.

Mit einem Minimum an Menschlichkeit statt Despektierlichkeit.

Aber wie so oft in meinem Leben – es kam anders.

Zu viele Missverständnisse, zu wenig Geduld. Zu viele Meinungen, zu wenig Zuhören.

Im Wartesaal der Sprachlosigkeit

Und so saß ich wieder dort – auf einem dieser berüchtigten Stühle in einem Raum, der nie ganz warm wird, egal wie sehr die Heizung bollert.

Diesmal ohne große Worte.

Ohne Erklärung.

Ohne Widerspruch.

Ich hatte nichts mehr zu erzählen.

Nicht weil es nichts zu sagen gäbe –

sondern weil alles Gesagte in der Vergangenheit entweder falsch verstanden, abgetan oder gar gegen mich verwendet worden war.

Also: Schulterzucken.

„Was soll ich noch sagen? Es ist eh alles sinnlos.“

Die ersten Tage verliefen zäh.

Ich blieb ruhig, innerlich müde.

Ein kleiner verbaler Ausbruch am zweiten Tag, mehr Trotz als Protest – dann wieder Rückzug.

Medikation? Ja, natürlich. Wenn es denn hilft.

Wobei: Was genau sollte hier noch helfen?

Vom Hochsicherheitstrakt zur halboffenen Hoffnung

Ich weiß nicht, ob es mein Verhalten war oder der wohlwollende Blick des behandelnden Arztes – einer der wenigen, der mit einer Art Nachtsichtgerät durchs menschliche Dickicht zu schauen scheint –

aber nach kurzer Zeit wurde ich auf die Halboffene Station verlegt.

Und siehe da – es ging bergauf.

Schneller, als ich es mir selbst zugetraut hätte.

Nicht, weil plötzlich alles gut war.

Aber weil kleine Dinge begannen, wieder einen Wert zu haben:

Ein warmer Kaffee.

Ein mitfühlender Blick.

Ein Gespräch, bei dem niemand den anderen retten will – aber beide verstehen, was es heißt, zu fallen.

Ich möchte das an dieser Stelle deutlich sagen:

Wenn ich jemanden kritisieren müsste, dann ganz sicher nicht die Menschen, die in dieser Klinik arbeiten.

Nicht die Pflegerinnen, nicht die Therapeuten, nicht die Ärztinnen.

Sie alle stemmen eine Welt, die ihnen oft selbst viel zu groß ist.

Und dennoch begegnen sie dir – wenn du es zulässt – mit Interesse, mit Takt, mit Herz.

Das ist mehr, als man von vielen anderen Orten behaupten kann.

Die stille Allianz der Gestrandeten

Und dann kommt das, was ich fast schon liebevoll „die zweite Phase“ nenne:

Man lernt sich wieder kennen – die anderen, die da sind.

Die Mitpatienten.

Die stillen Typen mit dem Blick ins Nirgendwo.

Die Müden, die schon zu oft an sich selbst gescheitert sind.

Die Neuen, noch verstört vom ersten Schritt über die Klinikschwelle.

Die Wiederkehrer, die mit routiniertem Lächeln ihren Stammplatz auf der Bank im Innenhof ansteuern.

Die, die zum ersten Mal wieder lachen.

Und die, die dich anschauen, als würdest du sie verstehen – ohne ein Wort.

Tatsächlich trifft man hier manchmal alte Bekannte.

Leidensgenossen.

Ehemalige Mitstreiter, die ebenfalls dachten, sie hätten es überstanden – nur um dann doch wieder an sich selbst zu scheitern.

Man nickt sich zu, tauscht Blicke, manchmal Worte.

Mehr braucht es nicht.

Verbindung entsteht hier leise, aber ehrlich.

Der Garten Eden, auch Affenkäfig genannt

Und dann sitzt man da –

im „Garten Eden“, wie ich ihn nenne.

Ein umzäunter Innenhof mit ein paar Bänken, einem Aschenbecher, einer vergilbten Sitzgruppe aus Plastik.

Ein Ort, den manche liebevoll „den Affenkäfig“ nennen – vielleicht weil es eben auch so klingt, wenn man durch das Gitter ruft:

„Ey, ist da noch ’ne Kippe?“

Nebenan ist die Geschlossene, auch von dort kommt jemand zumindest zeitweise rüber, zwei Patienten von der oberen Station kommen runter, der Genesungsbegleiter kommt vorbei, man nickt sich zu, stellt neue Gesichter vor.

Man quatscht, raucht, trinkt Kaffee, und schweigt auch ganz oft gemeinsam.

Und plötzlich fühlt es sich gar nicht mehr so hoffnungslos an.

Nicht heil – aber haltbar.

Zwischendurch kommt eine Schwester in den Hof geschwebt –

sanft, aber bestimmt.

„Frau XXX, denken Sie an Ihre Medikamente?“

„Ich komm gleich!“, ruft eine etwas tüddelige, aber in ihrer Art liebevoll-wache Dame.

„Ich muss nur noch schnell einen Kontakt im Handy speichern – der Aaron hilft mir dabei!“

Ich lächle.

Nicht aus Mitleid.

Nicht aus Zynismus.

Sondern, weil es schön ist, gebraucht zu werden.

Wenigstens kurz. Wenigstens hier.

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