Wie ein lauer Sommerabend, ein alter Fiat und ein Filmklassiker mein Leben prägten
Ich merke, wie die alten Belastungen wieder hochkommen. So viel ist passiert. Zu viel.
Traumatische Erlebnisse hinterlassen Spuren – in der Haut, in der Seele, manchmal sogar im Blick anderer Menschen.
Wie man gesehen wurde.
Wie man behandelt wurde.
Manchmal freundlich. Manchmal brutal.
Vor allem, wenn die Polizei ins Spiel kam.
Aber alles hat zwei Seiten. Jeder Mensch, jede Begegnung, jede Geschichte. Und manchmal erkennt man die andere Seite erst viel später.
In dem Film „Rendezvous mit Joe Black“, einem Klassiker mit Brad Pitt und Anthony Hopkins, gibt es eine Szene, die mich nie losgelassen hat.
Es geht nicht bloß um Liebe, sondern um Tiefe. Um den alten Mr. Parrish, einen angesehenen Unternehmer, der trotz aller äußeren Stärke eine verletzliche, klare, aufrichtige Seele zeigt.
In einer Schlüsselszene sagt jemand sinngemäß zu Joe:
„Sie war eine angesehene Frau – reich, schön, klug. Und ich? Ein armer Tropf, der ihr über den Weg gestolpert ist. Aber sie blieb. Weil wir alles voneinander wussten – auch die tiefsten Abgründe. Und sie blieb trotzdem, weil sie es akzeptierte.“
Vielleicht ist es genau das, was wahre Verbindung ausmacht: Nicht das Perfekte, sondern das Gesehene. Das Geteilte.
Ich empfehle diesen Film nicht nur, weil er Oscar-prämiert ist. Sondern weil er einem mehr mitgeben kann, als man vielleicht erwartet.
Man könnte locker mehrere Blogeinträge damit füllen, um all die Themen aufzugreifen, die darin verhandelt werden: Liebe, Tod, Angst, Würde, Familie, Verantwortung.
Aber ich will den Film gar nicht kaputtreden.
Man sollte ihn selbst sehen – und vor allem selbst fühlen.
Denn was man daraus mitnimmt, ist immer auch ein Spiegel dessen, wo man gerade im eigenen Leben steht.
Ich war damals noch sehr jung.
Neben meiner Ausbildung jobbte ich in einem kleinen Biergarten in der Stadt. So ein gemütlicher Ort, mit warmen Lichtern, teils einfachen Holzbänken und dem Duft von Flammkuchen und Riesling in der Luft.
Dort begegneten sich Menschen aus allen Richtungen: Stammgäste, die regelmäßig ihren Wein tranken. Theaterleute, die nach der Vorstellung noch ein Glas am Stehtisch nahmen. Und natürlich die Sommergäste – mal charmant, mal anstrengend – die ihre Freizeit bei Speis und Trank verbrachten.
So lernte ich Carolin kennen.
Meine erste Frau.
Sie war attraktiv, wirkte herzlich – und sechs Jahre älter als ich.
Wie das eben so läuft: Sie kam plötzlich öfter vorbei.
Wir flirteten, lachten, warfen uns kleine Sprüche zu. Ich hinter der Theke als „Buffetier“, sie vorne am Stehtisch, oft mit einem leichten Weißwein in der Hand.
Eines Abends war sie allein gekommen.
Und geblieben.
Wir beschlossen, nach Feierabend noch etwas trinken zu gehen.
Sie wartete geduldig, bis ich abgerechnet, sauber gemacht und abgeschlossen hatte.
Irgendwann – es war wohl halb zwei – traten wir gemeinsam auf die Straße.
Gegenüber parkte mein kleines Auto. Ein Fiat 127, beige mit Rolldach.
Ein rollendes Relikt aus einer anderen Zeit.
27 PS, viel zu klein, viel zu dreckig, aber irgendwie charmant und günstig.
Eine Knutschkugel mit Charakter.
Ich öffnete die Tür und startete mein kleines Ritual, um das Autochen überhaupt zum Leben zu erwecken.
Wer solche Vehikel von früher noch kennt, wird sich erinnern: Zündung an, Choke ziehen – und dann dieser kleine Hebel zwischen den Sitzen, der per Seilzug zum Heck führte und dort den Anlasser über eine winzige Vippe aktivierte.
Allein diese mittelalterliche Startvorbereitung war schon eine Szene für sich. Wahrscheinlich waren wir – wie üblich bei mir – mal wieder viel zu laut, mitten in der Nacht.
Natürlich war auch bei diesem liebevoll vor dem Schrott geretteten Gefährt einiges defekt.
Der Seilzug zum Anlasser war längst gerissen. Also stieg ich – wie jedes Mal – nach Zündung und Choke wieder aus, klappte hinten die kleine Motorhaube auf, zog mir eine alte lange Socke über den Arm (weil alles voller Öl war), und betätigte die kleine Anlasservippe mit einem großen Schraubenzieher per Hand.
Pött – pött pött – pött pött.
Der Wagen röchelte los.
Total kaputtlachend stiegen wir ein. Ich rangierte in zwei eleganten Zügen aus der Parklücke, und wir tuckerten los – Richtung Hafen.
Unser Ziel: das „Oki Doki“, eine ehemalige Hafenkneipe mit viel Charme und zweifelhafter Sperrstunde.
Doch kurz bevor wir dort ankamen, wurde unser romantischer Nachttrip jäh unterbrochen:
Zwei Streifenwagen rauschten mit Blaulicht heran und keilten mich klassisch ein.
Ich stieg aus meinem kleinen Bobbycar, noch leicht grinsend, wurde aber sofort von den Beamten getrennt.
Carolin auf der einen Seite, ich auf der anderen.
Name, Adresse, Fahrzeugpapiere, wer ist die Begleitung?
„Ähm… Carolin. Und weiter? Weiß ich nicht“, zuckte ich ehrlich mit den Schultern. „Wir haben uns gerade erst kennengelernt.“
Da ich nüchtern war und das Vehikel tatsächlich auf mich zugelassen, ließen sie uns nach ein paar Minuten wieder ziehen.
Die Beamten rauschten genauso schnell wieder ab, wie sie gekommen waren – irritiert, aber offensichtlich beruhigt.
Was für ein Highlight zum Ende des Abends, dachten wir – und betraten lachend das Oki Doki.
Und irgendwie passte das alles zu dem, was ich heute besser verstehe als damals:
Das Leben hat mindestens zwei Gesichter.
In der einen Minute sitzt du mit einem Schraubenzieher am Heck eines rostigen Fiat, in der nächsten stehst du im grellen Blaulicht, getrennt von einer Frau, deren Nachnamen du noch nicht kennst.
Aber manchmal zeigt sich in genau solchen Momenten, was zählt: Humor, Haltung – und Menschen, die bleiben, obwohl sie dich noch kaum kennen.
Vielleicht ist es genau das, was Nähe ausmacht: Nicht das kontrollierte Bühnenlicht, sondern der ganz normale Wahnsinn zwischen Zapfhahn, Zündschlüssel und Zufall.
