ein neuer Morgen
8 Uhr 20. Ich komme gerade nach Hause, mache mir einen Kaffee und setze mich für meinen Blog aufs Sofa. Irgendwie fühlt sich das Ganze ein bisschen wie Arbeiten an – schön.
Und wie ich das so mache, um meinen Blog zu beginnen, versuche ich, eine Verknüpfung zu meinem vorigen Eintrag herzustellen.
Da war von zwei Mopeds die Rede, wie ich meine Ex-Frau und meine damalige Freundin bezeichnet habe.
Wer jetzt glaubt, dass die Welt ja dann eigentlich auch in Ordnung gewesen sein muss, der irrt. Denn dies war lediglich zu dieser Zeit eine Momentaufnahme. Und natürlich gab es auch mit diesen beiden Frauen größere Schwierigkeiten.
Aber ich war damals schon nicht müde, immer wieder auch die Perspektive zu wechseln und Verständnis für die andere Seite aufzubringen.
Scooby ist derzeit bei meinen Eltern. Und auch ich muss akzeptieren, dass nach den Verwirrungen der letzten Monate Scooby wie zu einem kleinen, umgangsberechtigten Hund geworden ist, der sein Zuhause mal bei mir und zuletzt meist bei meinen Eltern verbracht hat. Ein bisschen wie nach einem Trennungskonflikt, bei dem um einen Hund gezankt wurde. Denn inzwischen haben auch meine Eltern diesen mehr als liebgewonnen.
Da ich gestern meine Kinder besuchen wollte – und dies auch getan habe – und dort Katzen leben, war es also nur sinnvoll, den Hund wieder mal bei meinen Eltern zu parken.
Im Bus zum Bahnhof schwitzte ich wie Sau, obwohl die Klimaanlage aus vollen Zügen bollerte. Es half also nicht, dass inzwischen mein T-Shirt anfing zu kleben.
Am Bahnhof angekommen, hatte die Bahn natürlich wieder mal Verspätung. Ich hatte also noch Zeit für eine Zigarette, genoss die Sonne und ließ mein T-Shirt trocknen.
Ping – macht es. Und wie man das so macht, schaute ich neugierig nach, von wem ich da wieder eine Nachricht bekam.
Meine gesetzliche Betreuerin meldete sich. Für die, die nicht wissen, was das bedeutet: Das ist eine Unterstützung, die nicht dabei hilft, die in der Wut an die Wand geklatschte Farbe herunterzukratzen, sondern die Komplikationen der letzten Monate, die mit Finanzen und Rechtsgeschäften zu tun haben, als Unterstützung regelt.
Nach kurzem, knappem, präzisem Gedankenaustausch – ja, Zeit ist kurz und knapp. Insbesondere, wenn man mehr als nur einen Fall zu betreuen hat – wurde schnell deutlich, dass endlich mal was klappt.
Nach drei bis vier Nachrichten verabschieden wir uns mit lieben Grüßen, und ich stellte erleichtert fest – endlich: Es kann ja auch mal klappen.
Die Absprachen bezüglich der Probleme mit dem Bürgergeld waren schnell getroffen, und sogar die Überweisungen wurden zack, zack – also ziemlich zügig, also sofort – ausgeführt, sodass sich bei mir Erleichterung breit machte.
Die verspätete Bahn war inzwischen auch eingetroffen, und so setzte ich meine Reise in Richtung meiner Kinder fort. Nach zwei Stationen, auch schon angekommen, rief ich meine Tochter an.
„Brauchen wir was? Was wollen wir heute Abend essen? Ich gehe jetzt noch zum Einkaufen. Möchtest du, dass ich was mitbringe?“
„Oh ja“, sagte meine Tochter. „Kannst du Eier mitbringen? Und Baguettesalami? Und Toastbrot, wenn das möglich ist.“
„Das klingt gut“, sagte ich. „Dann machen wir uns heute ein deftiges Rührei mit ein paar Salamitoast dazu. Speckwürfel habt ihr ja noch. Das sollte reichen bei dem Wetter.“
Ich stiefelte also los, machte einen kleinen Umweg und betrat den Einkaufsladen.
Ich nehme mir einen Einkaufskorb und wandere durch die Gänge, um die abgesprochenen Lebensmittel einzusammeln.
„Ooohhh – Erdbeerbuttermilch“, denke ich im Vorbeigehen an der Kühltheke.
Ich überlege nicht lange und packe sie ein.
Da ich Wurst und Käse lieber frisch von der Theke einkaufe als das abgepackte Zeug in den Regalen, stelle ich mich an der Wursttheke an.
Neben mir steht eine alte Dame, die aussieht wie ein kleines Rumpelstilzchen und mit mir darauf wartet, dass wir dran sind.
Die eine Dame auf der anderen Seite der Theke ist noch in der Käseabteilung beschäftigt, die andere macht auf der Rückseite die Messer- und Schneidemaschinen sauber.
Ich schaue die alte Dame an, die mit ihrem Täschchen in der Hand ein bisschen hin- und herhibbelt und dann vor sich hin brummelt:
„Tja, man kann nicht immer Aschenputtel sein.“
Dann zuckt sie mit den Schultern und beschäftigt sich mit ihrem Einkaufszettel.
Und ich ahne schon: Das wird wohl eine etwas längere Geschichte werden.
Nach gefühlt fünf Minuten – die Dame auf der anderen Seite lässt sich bei ihren Sauberkeitsarbeiten nicht aus der Ruhe bringen – räuspert sich das Rumpelstilzchen schließlich:
„Ich bin schon 78, aber die Arbeit macht mir immer noch Spaß. Ich habe eine eigene Firma.“
„Ja“, antworte ich. „Solange die Arbeit noch Spaß macht, hält das Geist und Seele fit.“
Als sich die Bedienung dann endlich uns zuwendet und mich ansieht, entgegne ich nur:
„Ich glaube, die Dame ist vor mir dran.“
Dann geht es los:
„Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Nein, nicht diese Wurst – die andere da. Und dann bräuchte ich noch … Könnten Sie mir hiervon ein Stück abschneiden?“
Fast zu meiner Belustigung murmelte sie zwischendurch vor sich hin:
„Hm, ja … dazu ein hart gekochtes Ei und etwas Remoulade …“
Nach einer gefühlten Ewigkeit und rund zwei Kilo Aufschnitt scheint die Dame ihren Zettel abgearbeitet zu haben.
Während die Bedienung alles fleißig abwiegt und einpackt, stolpert das Mütterchen Richtung Käsetheke zu ihrem Mann – und lässt die Bedienung im Unklaren darüber, ob sie eigentlich fertig ist.
„War es das jetzt?“, fragt mich die Bedienung.
Ich lächle zurück:
„Ich denke schon.“
Gleichzeitig höre ich, wie das Rumpelstilzchen zu ihrem Mann sagt:
„Ich gucke hier mal. Du kannst das da ja schon mal mitnehmen.“ – und deutet auf die Wursttheke.
Als ich dann tatsächlich dran bin, sage ich kurz und knapp:
„Ich hätte gern 200 Gramm Baguettesalami.“
Präzise wie ein Uhrwerk schneidet sie an der Maschine die französische Baguettesalami und drapiert die hauchdünn geschnittenen Scheiben auf die Folie.
Als sie fertig ist, legt sie die ungeschnittene Salami wieder in die Theke und wiegt mein Schnittgut ab: 204 Gramm – ad hoc.
„Klasse“, erwidere ich. „Da haben Sie wohl langjährige Erfahrung im Abschätzen von Gewichten – von Grammaturen.“
„Och“, erwidert die Bedienung freundlich. „Ich bin erst ein paar Wochen hier.“
„Gekonnt ist gekonnt“, sage ich, packe meine Wurst in meinen Einkaufswagen, verabschiede mich und wünsche noch einen schönen Tag.
Als ich den Einkaufsladen verließ, macht es wieder PING.
Meine Tochter teilt mir mit, dass Jule, meine andere Tochter, mir entgegenkommen würde, da sie gerade auch am Bahnhof angekommen sei.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass meine Ex-Frau bei meinem heutigen Besuch nicht zugegen sein wird, da sie ihre eigenen gesundheitlichen Probleme mit sich herumträgt … und gerade einen kurzen Erholungsurlaub macht.
Auf dem Fußmarsch wechsle ich die Einkaufstasche von links nach rechts. Ich hatte noch ein paar Getränke gekauft, und die Einkaufstüte war entsprechend schwer.
Auf halber Strecke hielt ich inne.
Wo war meine Tochter geblieben, die mir doch eigentlich entgegenkommen wollte?
Ich setzte die Taschen ab, nahm mein Handy zur Hand und rief sie kurzerhand an.
„Ja, ähm, ich komm gleich. Ich bin erst mal auf dem Weg nach Hause, ich komm gleich mit dem Fahrrad dir entgegen.“
Leicht irritiert – sollte sie doch eigentlich am Bahnhof gewesen sein – sage ich:
„Kein Problem. Wir sehen uns gleich zu Hause.“
Vor der Haustür traf ich noch eine bekannte Nachbarin, wechselte ein paar nette Worte und klingelte an der Tür.
Als Lina, meine Tochter, mir die Tür aufmachte, freute sie sich wie Bolle, umarmte mich herzlich und ließ mich rein.
„Wo ist deine Schwester? Die wollte mir doch entgegenkommen“, scherzte ich.
„Och“, sagte sie und verdrehte ein Stück weit die Augen.
„Du weißt doch, die hat immer was zu tun.“
Dann machte ich mir einen Kaffee, wir setzten uns auf die Terrasse, und ich lauschte ihren sprudelnden Ausführungen darüber, was sie alles im Kopf hatte, was sie beschäftigte und wie es ihr ging.
„Papa, du hättest mir helfen müssen bei der Auswahl der Leistungskurse fürs Abitur ab nächstem Jahr. Da ist irgendwie was schiefgelaufen.“
Und so plauderten wir über Schule, Leistungskurse, Fähigkeiten, Lehrer und alles, was sonst noch so Jugendliche in diesem Alter bewegt.
Ring, ring, ring – plötzlich rief meine Betreuerin noch einmal an.
Nach ein paar zustimmenden Worten, wie gut das vorhin eigentlich alles gelaufen ist, begann sie mit den Worten:
„Es gibt da noch ein kleines Problem.“
Manche Dinge können eben nicht per WhatsApp oder durch ständiges Hin- und Herschreiben besprochen werden.
Wir klopften also Ereignisse ab, die wann, wie und warum vorgefallen sind – immer mit dem Ziel, eine Lösung zu finden.
Auch wenn wir am Ende noch zu keiner finalen Lösung gekommen sind, war doch zumindest mehr Klarheit auf beiden Seiten entstanden.
Lina saß neben mir und stupste mich unsichtbar in die Seite, als es an ein, zwei Stellen darum ging, dass ich mein Unverständnis für gewisse Ereignisse deutlich machte.
Als das Gespräch beendet wurde, machte sich bei mir wieder ein Stück weit Resignation breit.
Aber auf der anderen Seite: Manchmal sind es zwei, drei Stufen hoch – und wieder eine zurück. Hauptsache, es geht nach vorne.
Kurze Zeit später kam Jule nach Hause.
Irgendwie betrübt, schlecht drauf – und sie wich mir sichtbar aus, als ich fragte, was denn los sei.
„Ich muss noch mal los“, knatschte sie mir entgegen – als hätte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie eigentlich mit mir verabredet war.
„Kein Problem“, sagte ich. „Und du kannst mir ja später erzählen – wenn du Lust hast –, was dich bewegt.“
„Dauert auch nicht so lange“, erwiderte sie – und guckte dabei mit leicht geneigtem Kopf und einem charmanten Augenaufschlag in meine Richtung, dem man nichts abschlagen kann.
„Zisch ab“, grinste ich ihr zu. „Aber bitte sei um 22 Uhr wieder da – sonst lohnt sich das Ganze, also mein Besuch, nicht.“
Ich glaube, Lina war das Ganze gar nicht so unrecht.
Sie hatte endlich mal Zeit, mit mir allein im Gespräch zu sein – ihre Bedürfnisse, ihre Sorgen, all das, was sie in ihrem hübschen Kopf so mit sich herumträgt, mit mir zu besprechen.
Und so zog die eine los, um in ihrer eigenen kleinen Welt Dinge zu regeln und ihren Gefühlen und Wünschen Raum zu geben –
und die andere ging mit mir noch einmal los zum Einkaufen, um ein bisschen Knabberzeug zu besorgen.
Dabei ließ ich Lina nicht davon abbringen, mich auf ein Eis einzuladen.
Und während wir so mit dem Eis durch den Ort spazierten, plauderten wir über Dinge, die sie mir im Vertrauen mitteilte –
Dinge, die so persönlich und nah waren, dass mir selbst ein Stück weit Steine vom Herzen fielen.
Und während ich das jetzt so schreibe, merke ich, wie ich gerade ein Tränchen verdrücken muss.
Es war inzwischen 22 Uhr.
Jule war auch wieder da.
Und so war der Tag bis hierhin sehr kurzweilig und für mich wohltuend im Mikrokosmos meiner Töchter vergangen.
Jetzt war es soweit. Ich hatte mit meinem Sohn abgesprochen, dass er – nachdem er seinen Nebenjob beendet hatte – noch vorbeikäme.
Ein Überraschungsgast sozusagen.
Denn auf eines hatte ich immer Wert gelegt – trotz aller Problematiken auf Elternebene:
Kinder sollten ein gutes Verhältnis zueinander haben.
Und das war – ohne Wenn und Aber – seit Jahren so.
Ein großer Bruder, der auf seine kleinen Schwestern aufpasst.
Zwillinge, die auf ihre älteren Geschwister stolz sind.
Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre eigenen Welten, Geheimnisse und Sichtweisen haben – und hatten.
Und so saßen wir dann noch bis gut ein Uhr in der Nacht, spielten, erzählten, lachten – und genossen einfach das gemeinsame Miteinandersein.
Dann – die Betten waren verteilt: ich auf dem Sofa, der Rest in der oberen Etage.
Lina, meine jüngste Tochter, kam noch einmal zu mir.
„Papa, kannst du nicht morgen hier sein, wenn ich mit meinem Zeugnis nach Hause komme? Och bitte!“
„Das geht nicht“, lächelte ich ihr liebevoll zu.
„Das ist mit deiner Mama anders abgesprochen. Es ist vereinbart, dass wir morgen alle zusammen das Haus verlassen.“
Sie versuchte noch einmal, ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen:
„Ach Mann … und wenn ich Mama jetzt nochmal anschreibe? Oder morgen früh? Es gibt eh nur Zeugnisse … wir sind auch bald wieder da.“
„Wir können jetzt nicht – nachdem das mit Mama abgesprochen ist – anfangen, rumzuhampeln.
Das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Und damit, dass man sich aufeinander verlassen kann.“
Etwas knatschig und noch ein wenig uneinsichtig lenkte Lina ein.
Und so gingen dann die Lichter aus.
