oder: Wenn Selbsthilfegruppe auf Fleischwurst trifft
Heute bin ich tatsächlich mal etwas länger liegen geblieben.
Die Medikamente tragen nicht unerheblich dazu bei, dass man sich zwischendurch einfach platt, schlapp und müde fühlt – körperlich wie geistig.
Zum Glück ist meine Tagesstruktur im Moment nicht straff getacktet. Ich muss mich nicht über unerledigte To-dos ärgern. Keine Pflicht ruft, außer vielleicht der Hund und mein eigenes Nervensystem.
Ich erinnere mich in solchen Momenten an den weisen alten Mann in mir, der mich zur Besonnenheit und Gelassenheit mahnt.
Klappt nicht immer, aber hey – ich höre ihm immerhin zu.
Eigentlich wollte ich euch ja vom Grillfest beim Sultan erzählen.
Also gut. Scooby hat seine Runde gedreht, sein Frühstück inhaliert – und das Duschen kann ich ja auch später noch erledigen.
Hier also, wie es weiterging:
Der Kappesumzug mit Marianne und Elsa war, wie gesagt, am Ziel angekommen, und Sultan begrüßte uns leicht überdreht mit der Grillzange in der Hand:
„Hallo! Na? Schön, dass ihr da seid – wir können essen!“
Und tatsächlich – der Grill war voll mit Leckerreien, deutlich mehr, als wir am Vortag eingekauft hatten.
„Mach langsam“, entgegnete ich lachend. „Lass uns erstmal ankommen.“
Freudig begrüßte ich den Überraschungsgast Anke, die ihren kleinen Hund mitgebracht hatte. Es folgte eine ehrliche Umarmung, ein kurzer, empathischer Austausch über den Gemütszustand – und dann setzten wir uns erstmal auf die Terrasse.
Da es zu nieseln begann und deutlich kühler war als am Vortag, hatte Sultan den Esstisch drinnen gedeckt. Und zwar mit Liebe. Wer den Beweis sehen möchte: Guckt auf meinem Facebook vorbei – Sultan hatte das wirklich schön angerichtet, inklusive kleiner Überraschungen auf jedem Platz.
Alle setzten sich, und Sultan verwandelte sich in den Gastgeber-Modus Deluxe:
„Was trinkst du? Hier, nimm Salat! Hiervon musst du nehmen!“
…nicht ohne gleichzeitig den Hunden ihre Portion Fleischwurst zu servieren.
Ich selbst?
Ich hatte noch die Müdigkeit vom Fußmarsch um den See in den Knochen – und ein kleines Nachglühen vom Vorabend: ein schöner Abend in Düsseldorf mit einem neuen Bekannten. Erst im KIT, dann im Salon, und zum Abschluss auf der Couch mit einem leichten Weißwein-Schwips.
Also sagte ich ehrlich:
„Ich trinke eine Apfelschorle.“
Im Laufe des Nachmittags entwickelte sich die Runde zu einer Art spontaner Selbsthilfegruppe – mit mir als inoffiziellem Gruppenleiter.
„Wie geht’s dir, Marianne? Warst du auch zu Hause gestern oder wieder in der Klinik?“
„Ich war zu Hause!“, zwitscherte sie über den Tisch.
„Mein blöder Mann war auch da, aber das ist jetzt geregelt. Wir sind nicht mehr zusammen. Du musst mir mal zeigen, wie ich den Kontakt im Handy lösche.“
Später saßen wir – wie es sich für Raucher gehört – auf der Terrasse.
Jeder erzählte, wie es ihm zuletzt ergangen war.
Elsa saß stumm da und sog an ihrem Zigarillo – ohne Filter, aber mit Mundstück.
Es regnete. Es wurde richtig frisch.
Marianne fror.
Sultan schaltete sofort die Wärmestrahler ein, aber sie zitterte wie Espenlaub.
Ich hatte meinen dicken Zip-Hoodie übergezogen, darunter nur ein T-Shirt.
„Komm, Marianne, ich geb dir meinen Hoodie. Du wirst sonst krank.“
„Nein, Aaron!“, kam es zurück. „Dann frierst du ja!“
„Ich bin schon groß. Und ich sitze direkt unter der Lampe“, erwiderte ich kompromisslos.
Also streifte ich das Teil aus – und half ihr, hineinzuschlüpfen.
Sie sah darin aus wie ein zerrupftes Hühnchen.
Aber eins, das wieder Wärme gefunden hatte.
Sie freute sich. Es war für sie jetzt kuschelig warm.
Und irgendwie passte das auch –
so wie das Leben manchmal nicht schön aussieht, aber wenigstens funktioniert.
Gegessen hatten wir sowieso mehr als genug.
Als wir schließlich aufbrechen wollten, regnete es nun in Strömen. Ich überlegte, wie ich meine beiden tüddeligen Damen zum Bus bringen sollte.
Mir war inzwischen auch kalt. Und Sultan fand die Regenschirme nicht, die er uns leihen wollte.
„Ich fahr euch“, sagte er.
Ich sah ihn mit, wie meine Tochter sagen würde, Side-Eyes an.
Meine Stimme wurde tief und bestimmt:
„Nein, Sultan. Das tust du nicht. Bei aller Hilfsbereitschaft – das ist nicht okay.“
Sultan stutzte, nickte dann verlegen. Ich sah, wie er nach einer anderen Lösung suchte.
Ich beschloss, ein Taxi zu bestellen.
Der Weg zum Bus wäre für uns alle eine nasse Zumutung gewesen – aber besonders für meine beiden Begleiterinnen.
„Ich brauch aber noch was zu rauchen – können wir mal eben zur Tanke?“, fragte Elsa besorgt.
„Sicher, sicher“, beruhigte ich sie.
Also:
Mit Scooby im Kofferraum,
erst zum Kiosk, dann die Damen an der Klinik abgesetzt,
und dann wieder zurück nach Hause – 23 Euro Taxikosten.
Für mich viel Geld – aber Sultan hatte ja das ganze Essen gezahlt.
An der Klinik begegnete mir noch ein alter Bekannter – der lachte nicht schlecht, als er mich mit Taxi, zwei Damen und nassem Hund aussteigen sah, ihnen beim Aussteigen half und gleich wieder davonrauschte.
„Was ein Wochenende“, dachte ich später zu Hause,
schlüpfte unter die Wolldecke, kuschelte mich an Scooby
und beschloss:
Ein Nickerchen.
Später muss ich ja nochmal raus.
Mit dem Hund.
Mit dem Leben.
Mit dem ganzen Wahnsinn da draußen.
