Der Therapeut

Ein persönlicher Blick auf Macht, Missgunst und warum Schweigen auch nicht hilft.

Für alle, die glauben, ich schreibe hier bloß wirres Zeug über andere Leute und deren Fehlverhalten, möchte ich an dieser Stelle mal etwas klarstellen: Ich analysiere auch meine eigenen Texte – mit aller nötigen Distanz und manchmal auch einer ordentlichen Portion Zynismus.

Dazu nehme ich heute einen Text aus Oktober 2024 zur Hand, den ich damals veröffentlicht habe.

Eine Parabel, die vielleicht etwas abgedreht klingt, aber aus einem sehr konkreten Erleben heraus entstanden ist.

Was darin Realität ist, was Überhöhung – und warum ich diesen Text überhaupt so geschrieben habe:

Darum soll es in diesem Blogeintrag gehen.

Willkommen in meinem Kopf. Nehmen Sie ruhig Platz – aber ziehen Sie die Holzschuhe aus.

Neulich beim Therapeuten

(Eintrag ursprünglich aus Oktober 2024 – mit aktualisierten Kommentaren)

Ein Mann kommt zum Therapeuten und beschwert sich, dass er kein Fernsehen mehr schauen könne. Außerdem müsse er ständig Intrigen schmieden, damit er endlich seinen „idiotischen“ Nachbarn loswerde!

Da sagte der Therapeut:

„Komm, ich erzähle dir eine Geschichte.“ Und die ging so:

„Ein Mann ging zum Therapeuten und beschwerte sich, er werde ständig von einem Bauern am Zipfel gezogen. Es reiche ihm langsam mit der ständigen Unverfrorenheit des überheblichen Landarbeiters. Da sagte der Therapeut:

‚Sieh mal, dieser Bauer veröffentlicht ein Walross im Bikini im Internet, muss mit einem witzigen Roadster für seinen Tagelohn ackern, ist umringt von ein paar Hornbläsern und sieht die Früchte des verbotenen Baumes an deiner Seite.

Deshalb empfehle ich dir: Eskaliere!‘

Daraufhin tat dem Mann der Bauer leid, und er ließ die Sache auf sich beruhen. Doch der Bauer ließ sich in den obersten Rat wählen, um sich vor Ausgrenzung zu schützen.

Er hatte verstanden, dass er wohl akzeptieren musste, dass der Mann zwei Mopeds, eine fette Kiste und anscheinend eine intellektuelle Größe besaß, die ihm vielleicht gefährlich werden könnte.“

„Und?“, fragte der Mann.

„Was soll mich die Geschichte lehren?“

Daraufhin entgegnete der Therapeut:

Wenn du noch einmal hier hochkommst und rumschreist, in der Hausverwaltung über mich Schlechtes erzählst, irgendwelchen Nachbarn die Tür öffnest, damit sie vor meiner Wohnung stehen, jegliche Form des Anstands verlierst und dich als Politiker – bezahlt für was auch immer – aufführst,

dann werde ich so lange mit Holzschuhen auf deinem Kopf herumtrampeln, bis du die Geschichte verstanden hast!

Ende der Geschichte.

Und jetzt zur Analyse.

Zugegeben – das Ganze wirkt wie ein Drogentraum aus dem Wartezimmer der Irrenanstalt. War’s aber nicht.

Ich war zu der Zeit völlig nüchtern. Leider.

1. Warum diese Geschichte?

Weil mir die Worte fehlten.

Weil ich weder brüllen noch schweigen wollte.

Weil ich verstanden habe, dass man manchen Menschen nichts direkt sagen darf – also erzählte ich es ihnen durch eine Parabel. In der Hoffnung, dass sie sich wenigstens irgendwie wiedererkennen.

Spoiler: Hat nicht geklappt.

Ich habe mich also in die Rolle des Therapeuten Jorge Burcay versetzt – halb Coach, halb Racheengel. Einer, der das ganze absurde Theater seziert wie eine Überwachungsaufnahme bei Lidl um drei Uhr nachts.

Die Symbole und ihre echten Hintergründe

Der Nachbar & die Lautstärke

Im ersten Satz deute ich an, dass der Nachbar ein Problem mit Lautstärke hat. Klar, man kann sich daran stören. Aber wie so oft steckt hinter der Empörung auch ein Echo eigener Probleme – und ich nehme das durchaus selbstkritisch mit auf.

Der Perspektivwechsel

Der Wechsel zur Therapeutenrolle ist kein Größenwahn, sondern ein erzählerisches Mittel. Ich wollte einen Spiegel aufstellen – und dabei nicht schon wieder selbst drin zersplittern.

Mobbing im Job

Der Ursprung: ein Kollege, der es witzig fand, mir grinsend an der Krawatte zu ziehen. Ich fand’s weniger witzig.

Ich ging zur Personalabteilung und zum Betriebsrat – und wurde damit vom Opfer zur Bedrohung. So läuft das, wenn man nicht schweigt.

Das Walross im Bikini

Das war kein Symbol. Es war ein reales Facebook-Foto seiner Frau. Nicht besonders vorteilhaft. Ich war vielleicht bissig – aber nicht ohne Grund.

Der kleine Roadster

Sein Statussymbol – wirkte neben meinem damaligen Firmenwagen eher wie ein Kinderauto. Ich sage das nicht aus Arroganz, sondern um zu zeigen, wie sich Statusneid materialisiert – in Blicken, Gesten, Sticheleien.

Früchte des verbotenen Baumes

Damit war meine damalige, sehr attraktive Freundin gemeint. Und ja, auch meine Exfrau zählte ich dazu. Zwei Mopeds also – und eine fette Kiste, meine Ducati.

Gesellschaftlich schwer zu sortieren. Für manche offenbar schwer zu ertragen.

Die Hornbläser

Sinngemäß: Menschen, die aus sicherer Distanz mittröten. Die nicht verstehen, worum es geht, aber sicherheitshalber gegen einen sind – bevor sie selbst infrage stehen.

Eskalation (und warum ich’s nicht tat)

Die Empfehlung zur Eskalation war ein Wink an meine damalige Entscheidung, zur Personalabteilung zu gehen.

Tatsächlich hatte ich aber längst verstanden, woher sein Verhalten kam – und entschied mich bewusst für Deeskalation.

Der Betriebsrat

Er ließ sich in den Betriebsrat wählen. Nicht aus Leidenschaft für Mitbestimmung, sondern um Kündigungsschutz zu genießen. Clever – aber durchschaubar.

Die Einsicht

Die Geschichte des Therapeuten endet mit einem Bild: Zwei Mopeds, eine Kiste – ein Mann, der im Chaos lebte, aber nicht log.

Meine Erkenntnis über den eigenen materiellen Wohlstand – trotz schwieriger Lebenssituation – führte schließlich zu einem Moment echter Deeskalation in mir.

Wenn der Nachbar nix versteht

Der letzte Absatz ist kein Witz.

Ich war es leid, mich ständig blöd anreden zu lassen.

Und tatsächlich: Mein realer Nachbar hatte – wie in der Parabel – zwei Motorräder. Die Parallele war also kein Zufall.

Ich habe viel über Besonnenheit gelernt – aber auch das hat Grenzen.

Man kann nicht ewig nett sein, wenn man permanent auf der Speisekarte steht.

Fazit

Diese Parabel war mein Versuch, laut zu werden, ohne zu schreien.

Ein Märchen über Macht, Missgunst und das stille Gift der Unausgesprochenheit.

Wer es nicht versteht, dem empfehle ich: einmal kurz mit Holzschuhen aufs Hirn – therapeutisch, versteht sich.

Oder, das Hörbuch von Jorge Burcay: Der innere Kompass.

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