Der psychopathische Empath

Triggerwarnung: Satire. Realität ähnlich.

Dieser Text enthält Spuren von Sarkasmus, systemischer Überforderung und seelischem Schrott. Für Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Therapeuten oder einfach mal sich selbst.

Der psychopathische Empath

Eine Gebrauchsanleitung zum gesellschaftlichen Ausschluss mit Stil.

In den letzten Jahren sammelte ich Titel wie andere Briefmarken: Psychopath. Pädophiler. Narzisst. Gefährder im Straßenverkehr. Und das Beste: Alles streng unbelegt. Keine Beweise, keine Substanz – aber Hauptsache, es steht mal im Raum. Irgendwer wird’s schon glauben.

Das Ganze hatte schon fast was Poetisches. Wer Jahrzehnte unfallfrei fährt, ist vermutlich nur deshalb noch nicht in ein Kinderkarussell gerast, weil er es sich verkniffen hat. Man kennt das ja.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – stand ich also im Sommer 2023 mal wieder in der Psychiatrie. Diesmal mit einem neuen Etikett: Potentieller Amokläufer. Man will ja mit der Zeit gehen. Mordphantasie ist das neue Burnout.

Was war passiert? Ich war am Ende. Ich hatte geweint. War zusammengebrochen. Ich hatte offen gezeigt, wie verzweifelt ich war.

Und plötzlich stand das SEK vor meiner Tür.

Nicht etwa, weil ich jemandem etwas angetan hätte. Nein – weil ich sichtbar litt. Weil irgendwer meinte, man müsse sich sorgen. Oder besser: Die Gelegenheit nutzen, um sich endgültig von mir zu distanzieren und nebenbei noch ein bisschen eigene Fassade zu polieren.

Denn klar: Schuld war natürlich einzig und allein meine bipolare Diagnose. Niemals das Verhalten meines Umfelds, niemals das absurde Zusammenspiel aus Ignoranz, Überforderung und gekränkter Eitelkeit bei jenen, die sich „Sorge“ auf die Fahne schrieben.

Wer sich wirklich sorgt, zerstört nicht systematisch das Leben eines anderen. Wer sich sorgt, ruft nicht fünfmal die Polizei, weil jemand leidet – sondern steht da, redet, hilft. Aber nein, hier ging es nicht um mich. Es ging darum, dass ich unbequem wurde. Dass mein Schmerz den schönen Schein störte.

Ich stellte irgendwann keine Fragen mehr. Wie sollte ich auch? Ich, der empathisch war bis zur Selbstverleugnung, der über Jahre hinweg jedes Fehlverhalten anderer relativierte – ich war plötzlich das Monster.

Nicht aus Schwäche hatte ich immer wieder Verständnis gezeigt, sondern aus Gutherzigkeit. Ich zog nicht bei jeder Kränkung sofort den Knüppel, weil ich glaubte, dass man Menschen Zeit lassen sollte. Dass Liebe nicht Kontrolle ist, sondern Raum.

Aber das alles – das Ganze – hielt selbst die beste Seele nicht aus.

In den Wochen nach dem Klinikaufenthalt hatte ich noch Kontakt zu Bella. Was soll ich sagen? Kommunikation war’s nicht. Es war mehr so ein Echo aus moralischer Überlegenheit, gewürzt mit passiver Gleichgültigkeit. Ein letztes Treffen im Dezember, dann war Funkstille – diesmal von meiner Seite. Ich hatte einfach keine Energie mehr, mich noch einmal in die Rolle des Schuldigen zu begeben, nur weil ich gelitten hatte.

Und dann, pünktlich zum zweiten Januar, das große Finale: Ein Statusbild mit zwei Herzen. Irgendwas am Hals, symbolisch oder fleischlich – wer weiß das schon. Vielleicht die beste Freundin, vielleicht ein frisch verliebter Bäcker, der mit warmer Schrippe und Alibibart in ihr Leben trat. Vielleicht war’s auch einfach ein Emoji-Unfall.

Mir war’s egal geworden. Wirklich.

Denn irgendwann kommt der Moment, in dem selbst der empathischste Trottel begreift, dass es nicht mutig ist, immer wieder zu verzeihen – sondern schlichtweg dämlich.

Ich wollte niemanden mehr retten. Ich wollte nur noch mich selbst zurückhaben.

Und so landete ich schließlich in einer Reha-Klinik. Nicht, weil ich gefährlich war – sondern weil ich schlicht und ergreifend am Arsch war. Komplett überhitzt, ausgebrannt, ausgespuckt. Ich war wie ein kaputtes IKEA-Regal: äußerlich noch ganz passabel, innerlich längst ausgeleiert. Aber hey – Hauptsache, man hatte sich Sorgen gemacht!

In der Reha wurde ich dann wieder zusammengesetzt. Ölwechsel, Bremsbeläge, bisschen Klarlack für die Seele. Kein Neuwagen, aber immerhin fahrbereit. Nicht für andere – diesmal nur für mich.

Man kann viel über mich sagen. Aber nicht, dass ich nicht alles versucht hätte, das Wrack irgendwie auf der Spur zu halten. Während die anderen längst in die Zuschauerloge gewechselt waren – Popcorn in der einen, Urteil in der anderen Hand.

Fortsetzung folgt – leider.

Denn wer einmal als potenzieller Amokläufer durchs Dorf getrieben wurde, ist danach irgendwie immer ein bisschen Sondermüll mit Augen.

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