Die Wahrheit stirbt im Konferenzraum
Ein weiteres Paradebeispiel aus dem Kuriositätenkabinett moderner Unternehmensführung war jener Bericht – oder sollte ich besser sagen: ein dramaturgisch inszenierter Beitrag zur kollektiven Selbstverklärung – über den absurden Anzeigewahn meines angeblich so verantwortungsbewussten Personalchefs.
Ob sich das infernale Trio aus besagtem Personalchef, der stets loyal nickenden Rechtsabteilungsanwältin und dem notorisch entscheidungsschwachen General Manager als fliegende Affen im erweiterten Orbit meiner damaligen Freundin Bella verstanden, bleibt reine Spekulation. Möglich ist alles. Besonders im Rückblick auf ein System, das sich weniger an Ethik als an interner Machtkosmetik orientierte.
Vielleicht war es aber auch einfach nur die Fortsetzung einer gut geprobten Inszenierung – jener subtilen psychologischen Zermürbung, die mich damals langsam, aber gezielt in Richtung Kündigung schob. Die Methode: entmenschlichen, isolieren, pathologisieren. Und das alles nur, um von der eigenen Inkompetenz abzulenken.
Denn nichts schreit so laut „Wir wissen nicht, was wir tun!“, wie der reflexhafte Versuch, unbequeme Stimmen als psychisch instabil darzustellen – als hätte man damit nichts zu tun! Chapeau! Da ist selbst Kafka neidisch.
Anbei mein Artikel dazu:
Arschlöcher!
Da erstattet ein Vorgesetzter Strafanzeige gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter – wegen angeblichen Stalkings seiner Freundin, mit der dieser Mitarbeiter seit viereinhalb Jahren in einer Beziehung lebt.
Eigentlich wollte der Vorgesetzte zuerst Anzeige wegen Bedrohung gegen seine eigene Person erstatten – weil der Mitarbeiter ihm sinngemäß mitgeteilt hatte, er möge beim Autofahren selbst besser aufpassen.
Man könnte meinen, man sollte zwischen einer Straftat und einer Ordnungswidrigkeit unterscheiden können – fiel dem Vorgesetzten aber offensichtlich schwer.
Also entschied er sich für die Variante mit der Freundin.
Parallel sprach ein anderer Chef ein Hausverbot gegen den „ungehorsamen“ Mitarbeiter aus.
Zur Krönung dieser grotesken Vorstellung beendete ebenjene Freundin die Beziehung nun tatsächlich – per Ghosting.
Ta-taaa!
Die Welt ist voller Arschlöcher.
Die örtliche Polizeistation in Kaarst bestätigte dem Mitarbeiter –
nachdem ein Polizei-Psychologe ihn angehört und „durch Zuhören überprüft“ hatte –
dass die tatsächliche Bedrohungslage wohl eher auf der Seite der drei anzeigenden Führungskräfte aus Neuss zu verorten sei.
Abschließend wurde der Mitarbeiter mit einem Segen auf freien Fuß gesetzt.
Dann passierte lange: nichts.
Irgendwann kam erneut Post – Absender unklar, Behörde vergessen –
mit dem Hinweis, das Verfahren wegen angeblichen Stalkings einer Nachbarin in Grimlinghausen!!! (Wohnort des Mitarbeiters) sei eingestellt.
Ironie off.
Was war passiert?
Diese Episode spielte sich nach dem bereits erwähnten Psychoterror des Personalchefs ab – jenes Mannes, der in der gesamten Personalabteilung längst den inoffiziellen Ruf genoss, noch jeden früher oder später vor die Tür gesetzt zu haben. Einer der Kollegen nannte ihn einst liebevoll „Terrier“ – also ein kläffender Köter ohne Anstand, aber mit ausgeprägtem Jagdtrieb. Man muss Prioritäten setzen.
Frau Suzanne Profiler – ihres Zeichens Fachfrau für narzisstische Strukturen – würde sich vermutlich kopfschüttelnd in ihren ergonomischen Therapiesessel setzen, hätte sie miterlebt, mit welcher perfiden Raffinesse dieser Unmensch vorging. Sein Ziel: unliebsame Nasen so lange subtil unter Druck zu setzen, bis sie von selbst das Weite suchten. Freiwillige Kündigung oder psychosomatischer Kollaps – Hauptsache, der Headcount sinkt.
Ein genialer Trick aus der Trickkiste moderner Unternehmenskultur: Man spart Abfindungen, wahrt das eigene Image und kann sich am Ende sogar noch auf die Brust klopfen und von „Personalverantwortung“ reden. Was für ein Held.
Nur: Das hat alles mit Verantwortung nichts zu tun. Und schon gar nicht mit Führung. Wer Probleme „löst“, indem er Menschen in seelische Abgründe stößt, hat das Prinzip von Human Resources gründlich missverstanden. Oder sehr gut verinnerlicht – je nachdem, welche Seite der Nahrungskette man betrachtet.
Ein König ohne Krone
An jenem denkwürdigen Tag – ich war psychisch am Boden, emotional durchgeweicht wie ein Pappkarton im Regen – riet mir meine Exfrau (die übrigens selbst nie verlegen war, ihre kleinen Machtspielchen mit mir zu treiben):
„Geh mal zum König, der hat einen Vertrag für dich in der Schublade.“
Sie meinte damit wohl eher den Gang zum Arzt Dr. König als zur ehemaligen Firma.
Ich verstand – in meinem Zustand halb im Delirium – nicht „König“, sondern den ähnlich klingenden Namen unseres General Managers. Und wie es sich für einen seelisch durchgeschüttelten, verzweifelten Ex-Angestellten gehört, der mit letzter Hoffnung an die Tür des Systems klopft, folgte ich dem Rat.
In der alten Firma angekommen, traf ich den Herrn General Manager in einem der sterilen Meetingräume an – dort, wo einst strategische Visionen beschlossen wurden, von denen niemand mehr weiß, worum es eigentlich ging.
Ich schilderte ihm mein Anliegen. Er wirkte sichtlich irritiert, als hätte ich ihn gerade in der Sauna beim Peeling erwischt. Und statt Klarheit bekam ich nur ein patziges:
„Ich habe nichts für Sie.“
Woraufhin ich, am Rand eines Nervenzusammenbruchs, entnervt und halblaut fluchend den Raum verließ. Im Flur dann eine weitere Szene aus dem absurden Theaterstück: Bella, meine damalige Freundin – just in dem Moment auftauchend, als ob ein Dramaturg sie mit Goldfolie umrandet in die Szene geschoben hätte – fragte:
„Was machst du denn hier?“
Noch ehe ich antworten konnte, trat auch der „König“ wieder hinzu. Und ich – müde, wütend, verletzt – sagte zu ihm:
„Passen Sie lieber selbst beim Autofahren gut auf, dass Ihnen nichts passiert.“
Dann stapfte ich aus dem Gebäude, wie ein Antiheld aus einem schlechten Film, den keiner sehen wollte – aber alle mitgeschrieben haben.
Natürlich war diese Bemerkung kein Mordaufruf, sondern Ausdruck einer Wut, die sich über Monate angestaut hatte. Denn besagter Manager hatte mir vor einiger Zeit vorgeworfen, ich hätte ihn im Kreisverkehr geschnitten – ein geradezu gesuchter Anlass, um mir kurzerhand den Firmenwagen zu entziehen. Rückwirkend betrachtet: ein glänzendes Beispiel dafür, wie man Autorität mit Machtmissbrauch verwechselt.
Tatsächlich hatte sich der Vorfall ganz anders zugetragen:
Er kam mir am Ortsausgang mit überhöhter Geschwindigkeit entgegen.
Ich war zu dem Zeitpunkt mit einer Begleitung unterwegs, kurz abgelenkt, und berührte leicht die Mittellinie. Keine gefährliche Aktion, kein riskantes Manöver – aber offenbar dramatisch genug für jemanden, der mit 80 durch die Tempo-50-Zone rauscht und sein Ego im Dienstwagen spazieren fährt.
Und dann?
Anschließend fuhr ich zu meiner Exfrau – ich brauchte jemanden zum Reden. Jemanden, der nicht Dienstanweisung, sondern vielleicht mal Menschlichkeit als Maßstab nimmt.
Dort angekommen: niemand zu Hause. Trübsal blasend beschloss ich zu warten.
Und dann kamen sie – meine Exfrau, die Kinder … und im Schlepptau mal wieder: die Polizei. Die treue Begleitung jeder emotional aufgeladenen Szene meines Lebens.
Ich erklärte, warum ich da war, was passiert war, was mich überhaupt in diesen Zustand gebracht hatte.
Doch man bat mich freundlich, aber bestimmt, mit auf die Wache in Kaarst zu kommen – man müsse das kurz klären.
Dort wurde ein Polizeipsychologe hinzugezogen. Ich erzählte ihm alles: vom Psychoterror des „Terriers“, dem kleinen Mann mit der großen Agenda, bis zu den Ereignissen dieses Tages – vom „König“ im Meetingraum, über Bellas plötzliche Erscheinung im Flur, bis hin zu meinem impulsiven Satz, der jetzt offenbar als staatstragend bedrohlich eingestuft wurde.
Anfangs teilte man mir mit, dass in Neuss bereits meine drei Lieblingsfiguren aus der Firmensaga – Personalchef, Rechtsanwältin und der General Manager – saßen, bereit, eine Anzeige wegen Bedrohung aufzugeben.
Ein Schelm, wer da an abgestimmte Dramaturgie denkt.
Doch die Beamten in Kaarst zeigten erstaunlich viel Verständnis. Sie hörten zu. Wirklich. Und sie entließen mich – nach einem langen Gespräch – mit der eindringlichen Bitte, der Firma künftig fernzubleiben. Ich war wieder auf freiem Fuß.
Am Ende telefonierte der Kriminalbeamte noch einmal mit der Dienststelle in Neuss – ein letzter Abgleich der Versionen. Und plötzlich, wie aus dem Hut gezaubert, war die Anzeige nicht mehr wegen Bedrohung, sondern lautete jetzt:
Stalking einer Kollegin.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah.
Bella? Die Kollegin war doch Bella. Die Frau, mit der ich – zumindest theoretisch – noch zusammen war. Auch wenn die Beziehung längst auf wackeligen Beinen stand, war es bisher kein offizielles Ende gewesen. Keine Kontaktsperre. Kein Streit mit Konsequenz. Nur Distanz, Ambivalenz, ein Gefühl von drohendem Kontrollverlust auf ihrer Seite – wie immer, wenn man nicht mehr so funktioniert, wie sie es erwartet.
Ob Bella nun wirklich an dieser Anzeige beteiligt war, wusste ich in diesem Moment nicht. Vielleicht ließ sie es einfach laufen. Vielleicht spielte sie mit. Vielleicht wusste sie selbst nicht mehr, auf welcher Seite sie stand.
Aber klar war: Ich stand plötzlich wieder allein.
Und diesmal mit einem neuen Etikett auf der Stirn.
Fazit: Wenn Systeme versagen, wird der Mensch zum Störfaktor
Was bleibt, ist ein Muster – klarer als jeder Arbeitsvertrag formuliert:
Wer nicht funktioniert, wird passend gemacht.
Und wenn das nicht gelingt, wird er aussortiert.
Die Methoden? Variabel.
Mal subtil, mal offensichtlich.
Mal als Fürsorge getarnt, mal als betriebliche Notwendigkeit verkauft.
Doch immer mit demselben Ziel: Kontrolle sichern, Verantwortung abwälzen, Gesicht wahren.
In meinem Fall führte dieser Weg über gezielte Demontage:
Ein Personalchef, der sich im Druckaufbau offenbar selbst verwirklichte.
Eine Rechtsabteilung, die lieber recht hatte als gerecht war.
Ein General Manager, der sich eher durch Abwesenheit als durch Rückgrat auszeichnete.
Und mittendrin: eine Ex-Partnerin, die sich geschickt zwischen Nähe und Distanz bewegte – immer gerade so weit, wie es ihr emotionalen oder strategischen Vorteil brachte.
Dass aus einem missverstandenen Satz – ausgesprochen in einem Zustand völliger Überforderung – eine Strafanzeige gebastelt wurde, wäre an sich schon tragisch genug.
Dass man sie kurzerhand umdeutete und mir stattdessen Stalking vorwarf, obwohl ich noch in einer Beziehung mit eben jener Frau war, macht die Sache zur Farce.
Die Grenze zwischen Realität und Konstruktion verschwimmt –
solange es ins Narrativ passt, ist alles erlaubt.
Und doch war dies kein Einzelfall.
Es war das System in Reinkultur:
Ein Betrieb, der sich mit dem Aushängeschild „Wertschätzung“ schmückt, während er menschliche Not als Bedrohung wahrnimmt.
Eine Ex-Partnerin, die erst Nähe suggeriert und dann aus sicherer Entfernung mit den Wölfen heult.
Eine Gesellschaft, die lieber Anzeigen schreibt, als nachfragt, was eigentlich los ist.
Was ich gelernt habe?
Dass Wahrheit keine objektive Größe ist, sondern eine Währung –
und wer sie nicht kontrolliert, wird schnell selbst zum Schuldigen erklärt.
Dass psychische Krisen nicht auf Verständnis treffen, sondern auf Verwaltung.
Und dass man im Zweifel schneller zum Gefährder erklärt wird, als man „Meetingraum“ sagen kann.
Aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht mehr schweigen muss.
Dass es einen Unterschied gibt zwischen Verzweiflung und Schuld.
Und dass ich heute, Jahre später, mit klarem Blick sagen kann:
Ich war nicht krank. Ich war verletzt. Von Idioten aussortiert und ausgespuckt.
Und ich bin es leid, mich dafür zu entschuldigen.
