Vampire im Alltag

Manche Menschen rauben dir nicht nur Zeit und Energie – sie entwurzeln dein Vertrauen. Nicht mit einem Schlag, sondern Stück für Stück, unter dem Deckmantel von Freundschaft, Fürsorge oder Gruppenzugehörigkeit.

Ich bin diesen Menschen begegnet. Auch in einer Zeit, in der ich selbst nach Halt suchte. Was ich fand, war eine Gemeinschaft – und darunter eine Dynamik, die erst vertraut wirkte, dann toxisch, schließlich zerstörerisch.

Dieser Text erzählt von Machtspielchen im Tarnanzug der Nähe. Von Ausgrenzung durch Gruppendruck. Von stillen Mitläufern, lauten Wortführern – und dem Moment, in dem ein Empath erkennt, was wirklich gespielt wird.

Und sich entscheidet, das Spiel zu beenden.

In meiner Anfangszeit innerhalb der Online-Seelen-Community lernte ich eine Gruppe kennen, deren Zerfall ich hier beschreiben möchte.

Da war Irmgard, wohnhaft im nebelumwehten Umland der Ballaburg – der Reha-Klinik, in der ich mich aufhielt, um meinen Selbstwert wieder aufzubauen. Eine eher kleine, rundliche Erscheinung, doch mit überraschend großer Wirkung. Ihr Auftreten? Dezent im Körper, dominant im Schatten. Ihre Spezialität war das „Hintenrum“ – nichts direkt ansprechen, dafür gezielt hinter dem Rücken wirken. Und stets griffbereit: ihr Lieblingssatz „Was stimmt denn mit dir nicht?“, ein Klassiker narzisstisch anmutender Schuldumkehr.

Irmgard hatte sich längst als Gruppenführerin eines fragwürdigen Zirkels etabliert: Mike, der stets grinsende Mitläufer mit seinen Fanfaren aus seinen Hifi-Boxen, wenn eine Gehässigkeit mal wieder zum Schenkelklopfer wurde; Melli, seine „alte Ische“, trocken im Humor und etwas primitiv; Michael, weichgespült, formbar, potenziell für Irmgards Pläne geeignet; und Ludaka, der saufboldige Charmeur, der immer mal wieder lallend den Chatraum betrat, während seine Freundin die Welt ohne ihn bereiste.

Dann waren da noch Selina und Kaya – zwei stille Wasser, liebevoll, sensibel, eher Mitschwimmerinnen als Kapitäninnen. Man war ja befreundet.

Als ich dazustieß, wurde ich – anders als viele andere Neuankömmlinge – tatsächlich aufgenommen. Ich wurde Teil des Reigens aus Lästerei, Loyalität und interner Hackordnung. Neuankömmlinge wurden arrogant abgewiesen, mit Schärfe auf Abstand gehalten – weil Irmgard das so wollte. Und alle machten mit.

Doch was zunächst wie Nähe wirkte, zerbröselte mit der Zeit. Dieses Kartenhaus aus Ironie, Abwertung und vermeintlicher Vertrautheit fiel leise, dann lautlos – und schließlich endgültig in sich zusammen.

Ich hatte mich mit Irmgard verabredet – ein persönliches Treffen, abseits der digitalen Welt, bei Wein und warmer Atmosphäre. Nummern wurden ausgetauscht, ein Abend verabredet. Lustig, wie sich das anfühlt, wenn man sich nach Wochen zum ersten Mal real begegnet. Da taut man auf, spricht über Befindlichkeiten – und plötzlich kommen Wahrheiten ans Licht, mit denen man nicht gerechnet hätte.

Als wir uns per Videochat zu zweit einschalteten, um unserer Gruppe hallo zu sagen, platzte plötzlich die ganze Mannschaft  per Livechat ins Bild: die ganze

lustige Runde, fröhlich, laut, ausgelassen. Irmgard wurde still. Danach begann sie, über ihre eigenen Leute zu lästern. Wer mit wem. Dass Selina angeblich unverschämt in der Gruppe flirte. Dabei war sie es, die Michael mit dem Treffen mit mir eifersüchtig machen wollte.

Als ich Irmgard bat, meine Nummer an Selina weiterzugeben – wir wollten unabhängig von der Gruppe Kontakt aufnehmen – passte ihr das überhaupt nicht.

Kurz darauf war alles anders.

Selina meldete sich bei mir. Sie war aus der WhatsApp-Gruppe geflogen – und Irmgard hatte sie im Chat als „einäugige Wanderhure“ bezeichnet. Ich war fassungslos. Selina, die tatsächlich auf einem Auge blind ist, hatte Irmgard lediglich einen Gefallen tun wollen und ihr berichten, ob Michael auf das Treffen mit mir reagiert hatte.

Diese perfide Entgleisung – ausgerechnet gegenüber einer Frau, die helfen wollte – war nicht nur verletzend, sondern entlarvend. Es zeigte, wozu Irmgard in der Lage war, wenn Kontrolle entgleitet.

Für mich war klar: Mit wem sich jemand trifft, ist Privatsache. Selina hatte sich sogar mit Mike getroffen, um diesem klarzumachen, dass seine Zuneigung einseitig blieb. Und dass aus der angeblichen Romanze nichts wird. Das nenne ich Rückgrat – nicht Umtriebigkeit.

Dass Irmgard ausgerechnet den Begriff „Wanderhure“ als Waffe benutzte, war ziemlich paradox. Wer den Film kennt, weiß: Es geht darin um eine Frau, die sich gegen Ungerechtigkeit, Neid und Unterdrückung wehrt. Nicht um Beliebigkeit – sondern um Würde.

Selina war verletzt. Mehr als verständlich. Und nachdem sie sich zurückzog, wollte ich von der Gruppe wissen, wo sie geblieben war. Ich stellte die Gruppe zur Rede – nicht aus Neugier, sondern weil ich eine Antwort verdient fand. Nach zwei Jahren Freundschaft kann man erwarten, dass das Wegbleiben einer Freundin nicht einfach kommentarlos hingenommen wird. Kurzes Schweigen. Dann Irmgards kalte Antwort: „Jeder kann kommen wie er will, hier wird niemand gezwungen dabei zu bleiben.“

Aha. Sehr authentisch.

Ich sagte der Gruppe offen aber deutlich, dass ich nicht verstehen könne, wie einem nach zwei Jahren „Freundschaft“ das Wegbleiben eines Mitglieds derart gleichgültig sein kann – und verließ den Chat. Danach wandte ich mich Selina zu. Privat. Menschlich. Eindeutig.

Im Anschluss sprach ich einzelne Mitglieder direkt an. Sagte meine Meinung, ruhig aber bestimmt. Und zog mich zunehmend in andere Räume zurück. Dort wurde schnell klar: Irmgard war auch anderen aufgestoßen. Immer wieder hatte sie Menschen öffentlich bloßgestellt, subtil erniedrigt oder gezielt ausgegrenzt.

Die alte Gruppe zerfiel. Selina, Kaya und andere verließen ebenfalls das Umfeld von Irmgard und folgten mir, und eine neue Gemeinschaft entstand: geprägt von Respekt, Offenheit, echter Zugewandtheit. Menschen, die zuvor nur mitgeschwommen waren, tauchten plötzlich auf. Fanden ihre Stimme. Fühlten sich wieder wohl in dieser kleinen digitalen Welt.

Irmgard, Mike und Michael waren nun allein – und irgendwann kamen sie gar nicht mehr. Sie hatten sich selbst ausgegrenzt.

Resümee: Vampire im Alltag

Es gibt Menschen, die nicht nur verletzen, sondern auch manipulieren – durch Worte, durch Schweigen, durch gezielte Verdrehung der Realität. Sie erzeugen ein Zerrbild von dir, als wärst du nicht Regisseur deines Lebens, sondern nur eine Karikatur in ihrem schlechten Film.

Diese Menschen blockieren echte Kommunikation, stigmatisieren, isolieren – und vor allem: Sie scheuen das Licht.

Deshalb gehört ihr Verhalten ans Licht gezerrt. Nicht, um zu verletzen – sondern damit sichtbar wird, was im Verborgenen wirkt. Damit jeder selbst erkennen kann, wer hier wem die Kraft raubt.

Denn nur im Licht erkennt man den Schatten.

Und manchmal auch den Vampir.

Epilog

Beruflich laviert sich Irmgard durch Teilzeitdienste auf Minimalniveau. Laut alten Beobachtungen manipuliert sie ihre Zeiterfassung – angeblich per Maus –, genießt gutes Essen, Kaminabende und das sichere Gefühl, dass auch ihr Mercedes mit Sozialbenzin läuft.

Ob Täterin oder tragische Figur:

Irmgard bleibt ein Mysterium.

Doch eines ist sicher:

Die Zeit allein wird hier nichts ändern.

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