Nebel in der Morgensonne

Die Reha in Rheinland-Pfalz stand also auf dem Plan. Als ich dort ankam, stellte ich überrascht fest: Den Kurort kannte ich. Vor Jahren war ich einmal beruflich dort, und wir hatten uns damals von einem Fachhändler das schöne Örtchen zeigen lassen. Ich hatte es in guter Erinnerung behalten.

Die Klinik selbst war allerdings nicht mehr ganz taufrisch. Man brauchte ein paar Tage, um sich an den leicht verwitterten Charme zu gewöhnen. Aber das gehört ja irgendwie dazu. Auch das Reha-Programm läuft nicht vom ersten Tag an rund – die ersten Tage sind eher zum Ankommen gedacht. Und natürlich für erste Kontakte. Die knüpft man, wie sollte es anders sein, in der Raucherzone.

Wie überall trafen hier verschiedene Welten aufeinander: Menschen, die ruhig und zurückgezogen wirkten. Andere, die offenherzig erzählten, was sie hergeführt hatte. Und wieder andere, die abends in der Kneipe saßen, sich durch Kurze und Anekdoten tranken und an der neu entdeckten Geselligkeit erfreuten.

Ob man dabei allerdings lautstark Partyschlager grölen muss – „und dann sind wir wieder bumsbar“ – sei mal dahingestellt. Ich empfand das eher als überkandidelt.

Für die persönlichen Gespräche wurde mir die Oberärztin zugeteilt. Nach den traumatischen Erfahrungen der vergangenen Monate war das dringend nötig. Sie war es auch, die mir in klaren Worten aufzeigte, in welcher Lage ich mich wirklich befand.

Eine Anzeige im seelischen Ausnahmezustand – das ist eben nicht: einkassieren, Zelle, raus, alles wieder gut. Ich erwähnte es ja bereits: Das ist eher so etwas wie eine lebenslange Sonderbehandlung.

Natürlich kam auch Bella zur Sprache. Unsere Geschichte, mein Blick darauf – und irgendwann auch das, was davon übrig geblieben war. Aus professioneller Perspektive ließ sich dieser Kontakt nur noch mit einem Wort beschreiben: toxisch. Für mich war das eine schmerzhafte, aber klärende Bestätigung. Nicht als Abrechnung, sondern als Befreiung.

Ich begann, neue Wege zu finden, mit dieser Erfahrung umzugehen. Und der alte Schmerz über den Verlust – der, der mich so lange begleitet hatte – löste sich allmählich auf.

Wie Nebel in der Morgensonne.

Außerdem: Ich habe dort tatsächlich wieder nette Menschen kennengelernt. Einige davon sogar außerhalb der Klinik. Und mit manchen stehe ich bis heute in Kontakt.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Ich war nicht mehr allein.

Und Bella? Die verabschiedete sich – wie so oft – nicht einfach so. Sondern in fein dosierten, inszenierten Gesten. Das Doppelherz um ihren Hals im Januar hatte ich ja bereits erwähnt. Ich reagierte nicht. Keine Nachricht, keine Rückmeldung. Ich löschte ihre Nummer, stellte mein Profilbild auf öffentlich. Sollte sie doch denken, was sie wollte – ob ich noch Kontakt suchte oder nicht.

Am Aschermittwoch dann verschwand sie aus einer alten Familien-Chatgruppe, in der sie noch gewesen war.

Und ein Tag vor ihrem Geburtstag verschwand auch ihr Profilbild – sie hatte offenbar meine Nummer gelöscht. Bitte nicht mehr gratulieren!

Na klar – alles bestimmt reiner Zufall. Und ich bildete mir – wie so oft – mal wieder sonstwas ein.

Für mich aber gilt:

Einem Menschen, dem man einst die große Liebe verklickert hat, muss man nicht scheibchenweise signalisieren, dass der Drops irgendwann gelutscht ist.

Man kann es sagen. Offen. Ehrlich.

Alles andere ist feige. Oder Spielchen.

Dann kam die Musik.

Ich fing an, meine Vergangenheit in Songs zu verarbeiten. Roh, direkt, ehrlich. Oft mit offenen Wunden, aber nie ohne Mut.

Und natürlich blieb das nicht ohne Reaktion. Der ein oder andere fühlte sich wohl erkannt, vielleicht sogar ertappt.

Einige Kommentare ließen durchblicken, dass man mir einen regelrechten Rachefeldzug unterstellte – als würde ich hier mit Beats und Reimen zurückschlagen wollen.

Aber ganz ehrlich:

In dieser Phase war mir das herzlich egal.

Wem meine Erfahrungen in Songform nicht gefallen, der kann ja einfach weghören.

Für mich waren diese Songs nichts anderes als eine Verlängerung der Therapie.

Vertonte Tagebücher. Klanggewordene Katharsis.

Und irgendwann wurde aus Schmerz wieder Stolz – nicht auf das, was passiert war, sondern darauf, dass ich da rausgekommen bin. Und am Ende sogar Musik daraus machen konnte.

Abschließend kann ich sagen:

Die Reha hat mir geholfen. Sie hat mir geholfen, meine Emotionswelt wieder ein Stück weit zu sortieren.

Es war Zeit, Bella vom Sockel zu holen – und sie das sein zu lassen, was sie vielleicht selbst am meisten fürchtet:

Inzwischen gar nicht mehr so besonders zu sein.

Nicht mehr so schön.

Nicht mehr so begehrenswert.

Und vielleicht ist es ja inzwischen tatsächlich so:

Wer andere aufhängt wie an einem Strick – mit Halbwahrheiten, Verdrehungen oder inszenierten Dramen –

der wird irgendwann selbst hängen gelassen.

Und sei es nur auf einem Posting in den sozialen Medien.

Kein Like, kein Kommentar, kein Applaus.

Nur digitales Schweigen.

Und vielleicht ist das die stillste, aber ehrlichste Antwort, die es geben kann.

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