Wenn Management mehr Haltung als Haltungsschaden ist
Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn habe ich drei Firmen im Detail kennengelernt – und sagen wir mal so: Es war lehrreich. Man nimmt eine Menge mit. An praktischer Erfahrung ebenso wie an Einsichten darüber, was funktioniert, was einen weiterbringt oder eben auch, wie man es besser nicht macht.
Nach den gerichtlichen Auseinandersetzungen mit unserem inzwischen ja allseits bekannten Personalleiter – nennen wir ihn der Einfachheit halber weiterhin „den Personalchef“ – war für mich irgendwann Schluss. Ich hob die weiße Fahne und ließ ihn seinen kleinen Psychokrieg gewinnen. Nicht, weil er recht hatte. Sondern weil ich keine Lust mehr hatte, mich in einem System aufzureiben, das menschlich längst kapituliert hatte.
„Schauen Sie nach vorne“, hatte die Richterin in der ersten Instanz beim Arbeitsgericht gesagt. Und dieser Satz hallt bis heute nach – nicht, weil er etwa rechtlich korrekt war, sondern vielmehr ein menschlich kluger Ratschlag sein sollte.
Also: Ich schaute nach vorne. Zähneknirschend, aber entschlossen. Was will man machen, wenn sich das Management unmenschlich gibt und man selbst merkt: Ich gehöre hier nicht mehr hin?
Schauen wir also zurück – in die Zeit nach meinem symbolischen Sprung aus dem Hochhaus. Vielleicht blicken wir später nochmal im Detail auf die damaligen Ereignisse zurück. Für heute bleibt festzuhalten:
Nicht jeder, der oben sitzt, hat den Überblick.
Und nicht jeder, der geht, hat verloren.
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Ich bewarb mich initiativ in der mir völlig fremden Autoleasing-Branche. Die kurzen Rückfragen zur inzwischen etwas größeren Lücke in meinem Lebenslauf beantwortete ich mit den Worten: „Manche Kriege muss man führen, obwohl man sie nie wollte.“ Ohne weiter ins Detail zu gehen. Die zuständige Personalerin erwiderte nur: Sie hätte Ähnliches erlebt – und damit war das Thema erledigt. Als hätte sie verstanden, dass nicht alles nochmal durchgekaut werden muss.
Man fragte mich noch nach meiner Belastbarkeit. Die angedachte Position bedeutete Einzelverantwortung – und es ging tatsächlich um größere Summen, bei denen ein kleines Plus oder Minus schnell von Gewissenhaftigkeit und Kundenfokus abhing.
Das Fachliche erschien mir keine große Herausforderung. Wenn überhaupt, war ich in den letzten Jahren nur an zwischenmenschlicher Kälte gescheitert, nicht an Inhalten. Also antwortete ich: „Wenn ich nicht belastbar bin – wer dann?“
So trat ich die neue Position als Umweltbonus-Beauftragter in einer Leasingfirma an. Mit weniger Gehalt als mein damaliges Arbeitslosengeld – aber mit einer Perspektive.
Ein modernes Unternehmen: Homeoffice-Möglichkeit, schicke Büroräume, eine kleine Kantine – und die Option, sogar ab und zu Scooby mitzubringen.
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Natürlich lief zu Beginn nicht alles rund. Ich kam schließlich aus dem gesellschaftlichen Off, meine Souveränität war eingerostet. Prompt haute ich eine ziemlich unmögliche E-Mail innerhalb der Organisation raus. Vielleicht lag’s auch an der eher knappen Einarbeitung durch eine an anderer Stelle schon erwähnte quirlige, hochschwangere Kollegin. Jedenfalls dachten manche wohl: „Auweiha, das geht schief.“
Und ja, es sah zunächst auch wirklich nach einer heiklen Nummer aus. Ich übernahm das Thema Umweltbonus – und stand plötzlich vor einem operativen Problem: Fachlich drohte die ganze Sache zu eskalieren.
Wer nur ein paar manuelle Anträge im Monat bearbeitet, kommt mit Excel & Co. noch durch. Aber wer sich mal auf den Straßen umschaut, merkt schnell, dass das Thema E-Fahrzeuge politisch gepusht wurde – mit entsprechendem Antragshoch. Ich fand eine Excel-Datei vor, die einst sorgfältig gepflegt war, inzwischen aber mehr an einen Schweizer Käse erinnerte.
Man war mittlerweile zwar auf eine interne Plattform umgestiegen – hilfreich fürs tägliche Doing, aber nicht für belastbare Auswertungen.
„An die Arbeit“, dachte ich mir. Und zauberte innerhalb von vier Wochen eine neue Excel-Auswertung aus dem Boden. Diese entwickelte sich nach und nach zu einem System mit Schnittstellen zu Datenbanken und Fachbereichen anderer Abteilungen.
Natürlich kam es hin und wieder zu Auseinandersetzungen – mit ein, zwei Fachbereichsleitern. Aber die Personalabteilung und auch der Geschäftsführer unterstützten mich. Erst mit Azubis und Werkstudenten. Später – als das Jahr sich dem Ende zuneigte und das Antragsvolumen explodierte – arbeiteten unter meiner organisatorischen Leitung rund 40 Kolleg:innen die offenen Fälle ab. Alles musste fristgerecht raus. Die Regierung hatte angekündigt, nur noch bis Jahresende Bonuszahlungen für bestimmte Fahrzeuge auszuschütten.
Die Geschäftsführung erlebte ich damals als sehr kompetent. Offen, ansprechbar, intern geschätzt. Die Atmosphäre war kollegial, das Klima produktiv.
Und doch brach ich Weihnachten zusammen. Nicht wegen der Arbeit. Sondern wegen Bella.
Mit meinem Einstieg in diese neue berufliche Phase trat auch sie wieder in mein Leben – und mit ihr all die alten Kriegsschauplätze. Das ständige Nörgeln über meine Ex-Frau, die endlosen Diskussionen ums Lieben und Geliebtwerden, die Wiederholung meiner alten emotionalen Endlosschleifen.
Im Dezember verschwand Bella wieder – still, durch Ignoranz und Desinteresse. Und das gab mir den Rest.
Denn einseitiger Druck im Job – den kann man auffangen. Aber wenn auch im Privaten nichts mehr trägt, wenn man weder Ausgleich noch Halt findet, dann kippt man eben irgendwann um.
Und so musste ich das Unternehmen schließlich wieder verlassen.
Der ganz große Auftragsberg war abgearbeitet, die Prozesse liefen wieder in erträglichem Rahmen – und der Keks war ja auch wieder da.
Schade eigentlich.
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Fazit:
Am Ende sind es selten nur die äußeren Umstände, die uns zu Fall bringen. Es ist das Zusammenspiel – zwischen Erwartung und Enttäuschung, zwischen funktionieren müssen und nicht mehr fühlen können. Solange man im Job durchhält, weil man privat Rückhalt hat, oder umgekehrt, geht vieles. Aber wenn beide Systeme gleichzeitig wanken – dann wird es eng.
Nicht jeder Zusammenbruch ist Schwäche.
Manchmal ist er das ehrlichste Signal, das der Körper senden kann:
Hier stimmt etwas nicht mehr.
Und dann hilft kein Bonus, keine Tabelle, keine Chefetage.
Dann hilft nur: innehalten. Und sich selbst wiederfinden – jenseits von Jobbeschreibung und Beziehungsstatus.

Ein bisschen war das Ganze ja wie bei Top Gun: Maverick.
Man kommt aus dem Off, keiner glaubt so recht an einen, die Technik ist veraltet, der Auftrag unmöglich – und trotzdem fliegt man das Ding irgendwie nach Hause.
Am Ende feuert man aus dem Tiefflug noch eine letzte Excel-Tabelle ab, rettet die Mission, bringt das Team durch den Sturm … und geht dann wieder, weil die persönliche Absturzwarnung doch lauter war als der Applaus.
Nur mit weniger Sonnenbrillen, aber dafür mehr Kaffee.
Und statt „Talk to me, Goose“ hieß es bei mir: „Scooby, nicht schon wieder in die Kantine!“