Was passiert, wenn das Nervenkostüm reißt – und das System lieber zusieht, als zuzuhören.
Und dann sitzt man wieder im Bunker.
Es war ein langsamer, zermürbender Abstieg seit August 2024 – voller Kontrollverluste, zerbrochener Sicherheiten, innerer Erschöpfung. Mein Nervenkostüm war inzwischen dünner als die Wände meiner Wohnung. Und die Nachbarn? Die wurden Teil des Problems.
Besonders einer. Lautstarke Streitigkeiten, Missverständnisse, Eskalationen. Dann stand sie wieder vor der Tür – die Polizei. Inzwischen regelmäßig. Mal zu sechst. Mal mit Blaulicht, mal still um die Ecke geparkt. Manchmal, weil ich wirklich zu laut war. Manchmal, weil ich in einem Moment der Wut einen Teller zerschmetterte. Porzellan als Ventil.
Doch es gibt sie noch, diese anderen Polizisten. Die, die trotz Uniform ein Ohr mitbringen. Die, die stehen bleiben, zuhören, vielleicht sogar kurz verstehen. Ein paar gingen wieder, nachdem ich erklärt hatte, was los war – müde Worte, leise Bitten. Einige kannte ich schon vom Einsatz davor. Man bat mich, doch bitte Kopfhörer zu benutzen. Ich befolgte es. Meistens.
Aber irgendwann nervt es. Wenn man merkt, dass die Polizei mehr Verständnis aufbringt als das eigene Umfeld. Wenn selbst die Beamten bei manchen Geschichten nur noch den Kopf schütteln.
Und dann passiert es. Man verliert die Fassung. Zum zwanzigsten Mal klingelt der Schutzmann – und irgendetwas in einem reißt.
An jenem Tag war es wieder nur das: ein kurzer Moment. Ich hatte Geschirr zerdeppert. Symbolisch. Laut. Das Gespräch mit den Beamten begann ruhig – bis wieder die Rede auf „Lautstärke“ kam. Ich solle „alles ausschalten“. Ich sagte, ich würde es leiser machen. Zimmerlautstärke. Doch das reichte nicht.
Plötzlich spürte ich diese Schwere im Raum. Die Mischung aus Ohnmacht, Scham und einer Wut, die sich gegen niemanden mehr richtet – außer gegen sich selbst. Ich drehte mich um, ging in Richtung Küche, um die kleine Box leiser zu stellen – da stürmten sie los.
Sie warfen mich zu Boden, pressten mich auf die kalten Fliesen meiner eigenen Küche. Ich schrie. Nicht aus Trotz. Sondern weil mir das kaputte Knie verdreht wurde, mit solcher Wucht, dass mir fast das Bewusstsein wegrutschte. Ich – ein Persönchen von unter 70 Kilo – lag da, mit verdrehtem Bein, während die Kolleginnen daneben lachten. Zwei Minuten Schreie, die jeder Nachbar hörte. Zwei Minuten, die nach außen hin den Vorwand lieferten, warum man mich abführte.
Auf dem Weg zum Transportwagen, als ich wütend protestierte, schlug mir der Beamte noch mehrmals ins Gesicht.
Die Zellen in Neuss waren wohl überfüllt – anders konnte ich es mir nicht erklären. Man brachte mich nach Meerbusch. Ein Ort, dessen Name mir in diesem Zusammenhang fast zynisch erschien. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hatte irgendjemand doch zu genau zugehört, was ich über all das öffentlich erzählt hatte. Vielleicht war ich wieder einmal einfach nur „psychotisch“.
In Meerbusch begann das bekannte Prozedere.
„Benehmen Sie sich.“
Dann: ausziehen, bücken, Unterhose runter, Hoden anheben. Die vollständige Entwürdigung auf Kachelboden. Eine Matte. Eine Decke – wenn man Glück hat. Dann die Stahltür. Ein Knall, ein Riegel – immer das Gleiche.
Früher hatte ich Angst in solchen Momenten. Heute … meditiere ich. Nach innen. Gegen das Zittern. Gegen das Frieren. Gegen die Frage, wann – und ob – man wieder rauskommt. Irgendwann, nach vielen Stunden, teils im Dunkeln, darf man sich wieder anziehen. Und steht draußen. Ohne Entschuldigung. Ohne Erklärung.
Ein Arzt sagte mir mal, als es um einen angeblichen Amoklauf ging, man solle das alles nicht zu ernst nehmen. Einschüchterung sei Teil der Maßnahme. Na, dankeschön.
Aber wie soll man nicht ernst nehmen, was sich körperlich und seelisch einprägt wie ein Stempel?
Wie soll man Verständnis entwickeln, wenn man für eine Kurzschlussreaktion behandelt wird wie ein Gefährder – und keiner die Vorgeschichte hören will?
Wie soll man ruhig bleiben, wenn die Ursachen ignoriert werden und nur die Symptome verhaftet werden?
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Fazit:
In einem System, das lieber Härte demonstriert als Empathie aufbringt, wird jede Form von Lautstärke – ob berechtigt oder nicht – als Gefahr gesehen.
Doch wer nie fragt, warum einer schreit, wird auch nie verstehen, was ihn dazu gebracht hat.
Und so sitzt man am Ende wieder im Bunker. Nicht, weil man ein Verbrecher ist.
Sondern weil man es gewagt hat, nicht mehr alles still zu ertragen.
