Peter und der Wolf

oder: Wenn Patienten auf Wanderschaft gehen

Wie ist das eigentlich, wenn sich Patienten zusammentun?

Kurzfassung: Es wird kompliziert, chaotisch, und – wenn man Glück hat – sogar ein bisschen menschlich.

Wer meinen Garten Eden aus dem Text „Mit leiser Stimme zurück“ kennt, hat vielleicht noch einen Funken Empathie übrig. Die Rückmeldungen deuten jedenfalls darauf hin. Danke dafür. Aber nur um’s klarzustellen: Das hier ist kein Aufruf zum Aufbau eines Mitleidsvereins. Menschen mit Diagnose – und ich sage absichtlich nicht „Kranke“ – wollen vor allem eins: ernst genommen werden. Nicht betätschelt.

Die folgende Geschichte zeigt, wie sehr Fürsorge und Hilfsbereitschaft manchmal eben nicht im Gesundheitswesen enden sollten. Sondern irgendwo zwischen Supermarktregal, Linienbus und einem halb gegarten Grillwürstchen.

Prolog: Der Sultan ruft

Ich bin inzwischen raus aus der Klinik. Beschäftige mich mit dem alltäglichen Wahnsinn, unter anderem mit einer Privatinsolvenz, die sich bisher eher wie ein schlechter Scherz ohne Pointe anfühlte.

Seit das Gericht offiziell „Hallo“ gesagt hat, läuft es plötzlich. Nicht, weil ich zu blöd bin, Verwaltungskram zu erledigen – sondern weil Behörden manchmal einfach nur dann reagieren, wenn ein anderer Behördentyp sie anschreit.

Zwischendurch schaue ich in der Klinik vorbei. Die einen sagen, das sei Nachsorge, die anderen nennen es Sozialstudie. Ich nenne es: kurz Luft holen bei Menschen, die noch wissen, wie sich Scheitern anfühlt.

Dann kommt Sultan ins Spiel. Ein Typ wie aus dem Casting für ZDF-Sozialreportage trifft Shisha-Lounge: groß, laut, herzlich – und erstaunlich großzügig. „Ich lade zum Grillen ein“, sagt er.

Er hat den Platz, das Geld, den Enthusiasmus. Und: keinen Führerschein.

„Komm, du fährst“, sagt er.

„Aha, deshalb soll ich also mitkommen. Damit du nicht am Steuer einschläfst – oder von der Polizei aufgefischt wirst?“

Er zuckt mit den Schultern. Ich lache.

Am Ende gehen wir halt zu Fuß. Zwei Haltestellen. Reicht fürs Vertrauen.

Samstag: Einkauf mit Hindernissen

Sultan wohnt in einer alten Villa. Klingt nobler, als es ist. Aber immerhin solide.

Gemeinsam marschieren wir zum Supermarkt. Ich bremse ihn beim Einkauf mehrfach aus – er will Grillgut für eine Fußballmannschaft kaufen, wir sind zu fünft. Ein 6er-Pack Radler, ein bisschen Fleisch, Feierabend.

Ich begleite ihn zurück, verabschiede mich dann aber im Bus – Selbstschutzmaßnahme. Soziale Energie ist auch irgendwann aufgebraucht, besonders wenn sie in Supermarktgängen verpulvert wurde.

Sonntag: Willkommen im Nahverkehrs-Dschungel

Das Wetter? Schlecht. Die Stimmung? Noch okay. Der Plan: trotzdem grillen.

Um Punkt zwölf schreibt Sultan: „Wann kommst du?“

Parallel rufen mich Marianne und Elsa an – zwei Damen aus der Klinik mit Wochenendfreigang, mäßig technikaffin, hochgradig orientierungslos.

„Aaron, welcher Bus?“

„Welche Haltestelle steht da?“

„849, 851, 735.“

„Seid ihr an der Stadthalle?“

„Ja. Glaube ich.“

Natürlich. Wo sonst?

Ich rechne Linien und Strecken wie ein Disponent beim Nahverkehrsverbund.

„Nehmt den 851. Nach vier Haltestellen aussteigen. Ich hol euch da ab.“

Dann verpasse ich meinen eigenen Bus. Natürlich. Also laufe ich los – Scooby an der Seite, der immerhin mehr Orientierungssinn hat als Elsa und Marianne zusammen.

Nach 15 Minuten bin ich an der Haltestelle. Rufe Marianne an.

„Wo seid ihr?“

„Im Bus. 854. Richtung Weckhofen.“

Ich seufze. Lang. Tief. Kontrolliert.

Falscher Bus. War ja klar.

Ich lotse sie raus, Haltestelle weiter, falsche Seite von Gnadental.

„Bleibt da. Ich hole euch. Wird eine kleine Expedition.“

Ich navigiere Scooby durchs Wohngebiet, als wär ich ein Segelschiff auf Gegenkurs.

Die beiden Damen? Haben es geschafft, auszusteigen. Stehen da wie Gepäck ohne Gepäckträger.

Ich telefoniere wieder.

„Wann kommst du?“

„Geduld. Ich bin gleich da. Lauft schon mal Richtung Kreuzung. Ich fang euch ein.“

Und tatsächlich: Da stehen sie dann. Zwei leicht überforderte, aber gut gelaunte Frauen mit dem Tempo einer Sonntagsmesse. Ich vorneweg, Scooby als Spürhund der Mission „Patientensicherung“, und die beiden schunkeln hinterher wie in Zeitlupe.

Finale: Ankunft im Hause Sultan

Bei Sultan angekommen: Überraschungsgast. Noch eine Mitpatientin. Auch schon entlassen. Ich frag nicht, ob’s eine offizielle Einladung war oder nur Zufall. Ist auch egal.

Der Grill läuft, irgendwann später zumindest.

Aber die eigentliche Geschichte vom Grillevent – die kommt im nächsten Eintrag.

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