Betreutes Wohnen

Betreutes Wohnen – oder wie man lernt, Löcher in die Wand zu starren

Vor Kurzem stand ich tatsächlich bei einer kirchlichen Einrichtung auf der Matte.

Nicht wegen einer spirituellen Erleuchtung, sondern um abzuklären, welche Hilfsmöglichkeiten es da draußen noch so gibt – für Leute wie mich, die nicht mehr alles mitmachen, aber auch nicht alles aufgeben wollen.

Denn ganz ehrlich: Nur Medikamente nehmen, um dem täglichen Wahnsinn da draußen zu entgehen, ansonsten zuhause hocken und Trübsal blasen? Kann ja wohl nicht die Lösung sein.

Irgendwo zwischen Netflix-Entzug und Zwangs-Introspektion hatte ich zumindest genug Zeit, über mich selbst und andere zu urteilen. Viel zu viel Zeit, um genau zu sein.

Ach, hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich in den letzten Monaten Teil einer kleinen Staffel von Fernsehauftritten war? Nein?

Na dann: Ich war unter anderem auf der Anklagebank bei Barbara Salesch (ja, die gibt’s wieder), als gestörter Exfreund bei Köln 9011, und als Häftling in der Serie A Better Place, in der es um die Frage geht: „Was wäre die Welt ohne Knast?“

Tja, was wohl? Wahrscheinlich mein Wohnzimmer.

Denn wer monatelang zuhause sitzt – ohne Fernsehen, ohne Internet, ohne menschlichen Kontakt, ohne Geld und ohne Empathie – der weiß ziemlich genau, wie sich Knast anfühlt. Nur dass einem keiner das Essen bringt. Punkt.

Was also tun mit der ganzen überflüssigen Zeit?

Dumme Gedanken kommen da von ganz allein. Ich habe Real Racing bis zum digitalen Burnout gespielt und bin tägliche Spaziergänge gelaufen, die irgendwann mehr Ähnlichkeit mit einer Fluchtbewegung hatten als mit Bewegungstherapie.

Irgendwann beginnt man, Löcher in die Wand zu starren. Ich habe mehr in weiße Raufaser geguckt als jede Schaufensterpuppe bei Peek & Cloppenburg.

Ich stelle mir vor, so ähnlich muss es Rentnern gehen. Man hängt seinen Beruf an den Nagel und sucht plötzlich nach einer „neuen, anders befriedigenden Tätigkeit“. Einige machen dann Yoga. Andere klagen ihre Nachbarn wegen Trittschall.

Apropos Nachbarn.

Ich erinnere mich an die kleine Altbauwohnung, in die ich mit meiner damaligen Frau gezogen war. Unsere erste Tochter kam – lautstark, versteht sich – zur Welt, der Vermieter baute das Dachgeschoss aus, und plötzlich hatten wir ein eigenes kleines Reich mit echtem Altbauflair.

Also: knarzende Holzdielen, hellhörige Wände und eine Holztreppe, die wie ein Marimba-Orchester klang, wenn man nachts zur Küche schlich.

Leider wohnte unter uns ein Rentner. Und der hatte nicht nur ein empfindliches Gehör, sondern offenbar auch eine juristische Dauerkarte fürs Amtsgericht.

Als das Baby schrie – was Babys eben so tun – war für ihn die Grenze des Erträglichen überschritten. Er beschloss: „Hier gehe ich rechtlich gegen vor.“

Ich war wütend. Also zog ich meiner Frau die hölzernen Crocs an (natürlich nur aus wissenschaftlichem Interesse) und testete, wie laut man eigentlich vom Schlafzimmer in die Küche gehen kann. Klang. Klong. Konzertreif.

Als wäre das nicht genug für ein gereiztes Nervenkostüm, fuhr alle zwanzig Minuten auch noch die S-Bahn direkt hinterm Haus vorbei – nicht irgendwie gemächlich, sondern mit der akustischen Wucht eines explodierenden Staubsaugers.

Ein Geräusch, das irgendwo zwischen Schleifmaschine und Weltuntergang lag. Und nein, das schien den Rentner nie gestört zu haben. Nur wir.

Der Vermieter versuchte zu schlichten, aber wenn zwei Sturköpfe aufeinandertreffen, bleibt meist nur das Gericht.

Am Ende zeigte eine Lärmmessung, dass wir gar nicht so laut waren – was uns zu moralischen Siegern machte. Und den Vermieter zum geplagten Vermittler zwischen Baby und Paragraphenreiter.

Später hörte ich: Der Mann unter uns war bekannt dafür, regelmäßig gegen Nachbarn zu klagen. Beruflich war er Rentner, aber innerlich wohl Richter geblieben.

Wir sind dann irgendwann ausgezogen. In ein kleines Zweifamilienhaus. Wieder oben. Wieder Kind.

Aber diesmal: ein freundlicher älterer Herr unter uns.

Nicht nur Vermieter, sondern auch jemand, der im Hausflur mit unserer Tochter Scherze machte. Kein Klagegeist. Kein Trittschall-Protokoll. Einfach ein Mensch.

Und nun?

Ich bin zu jung, um mich von gut gemeinten Hilfeorganisationen betüpfeln zu lassen.

Ich brauche keine Filzherzchen-Therapie mit Kräutertee im Klappstuhlkreis.

Und ich habe auch keine Lust, mich permanent juristisch zu verteidigen – auch wenn meine Fernsehkarriere mehr Realsatire beinhaltet, als mir lieb ist.

Zuletzt war ich bei den „Familienhelfern“ – also dort, wo Drama auf Doku trifft und die Realität einem manchmal ins Gesicht lacht.

Und spätestens da fragt man sich: In welcher Familie lebe ich eigentlich, wenn es die eigenen Eltern sind, die mir die Wohnung kündigen?

Nicht aus Bosheit.

Nicht mal aus Überforderung.

Sondern weil die Gesellschaft es so will.

Weil Menschen in ihrem Umfeld, Nachbarn, Bekannte, Ärzte, Behörden, Kirchenvertreter – kurz: das ganze gutbürgerliche Panoptikum – systematisch Druck aufgebaut haben.

„Mit so jemandem kann man doch nicht mehr unter einem Dach wohnen.“

„Ihr müsst auch mal an euch denken.“

„Der braucht professionelle Hilfe, nicht euch.“

Und irgendwann, nach all den Jahren, knicken selbst Eltern ein – Eltern, die eigentlich nur helfen wollten.

Weil man ihnen eingeredet hat, dass man mit Leuten wie mir nicht mehr spricht.

Nicht mehr zusammenlebt.

Nicht mehr verbunden ist.

Und so schreibt das System die Rollen weiter:

Ich? Wieder der Protagonist.

Name: Aaron.

Rolle: Der Kranke.

Aber ich glaube fest – und das hat nichts mit Arroganz zu tun –

es gibt viele Menschen da draußen, die mich anders kennengelernt haben.

Die sich nicht fragen: Was ist bloß aus dem geworden?

Sondern: Was hat man mit dem gemacht?

🧾 Fazit:

Zwischen Altbau, Amtsgericht, Medieninszenierung und kirchlicher Fürsorge bleibt am Ende oft nur eine Frage offen:

Wer hilft hier eigentlich wem – und wovor?

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